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Tierversuche: Artefakte, Handlungsweisen und Folgen für Versuchstiere

                                                                                             Christiane Grinda,
Ruhr-Universität Bochum

Über Tierversuche

Tierversuche werden in Deutschland zur Erforschung von gesundheitlichen Risiken und deren Behandlung durchgeführt. Sie sind eine weit verbreitete Praxis; es gibt etwa 700 Labore in Deutschland (tiere-beschuetzen.de, o.J.). Die rechtlichen Rahmenbedingungen gründen auf einem Gesetz der Europäischen Union aus dem Jahr 2013 und auf einer EU-Verordnung aus dem Jahr 2009. Danach sind Versuche im Zusammenhang mit kosmetischen Produkten nicht mehr erlaubt. Tierversuche werden als „solche wissenschaftlichen Verfahren mit lebenden Tieren, die mit Schmerzen, Belastungen oder Schäden der Tiere verbunden sein können“ (Grimm et al., 2018, S.273) definiert. Im Folgenden wird ein Überblick über die praktizierten Versuche gegeben, der sowohl die Spannweite der Unterschiede als auch Häufungen und Extrema abbilden soll. Es wird detailliert wiedergegeben, an welchen Tierarten die Forschenden ihre Tests durchführen, wie sie die Tiere halten und wie sie während der Forschung mit den Tieren umgehen. Insbesondere der Aspekt der Gewalt wird durch die menschliche Einwirkung auf die Tierkörper und die daraus resultierenden Belastungen und Schäden der Tiere hervorgehoben. Anhand von über hundert Versuchsbeschreibungen und übereinander gelegten Versuchsabläufen wurde systematisch ausgewertet, welche Handlungen und Artefakte von zentraler Bedeutung sind und welche gemeinsamen Komponenten auftauchen. Bei der Beschreibung der Haltung der Tiere, der Verhaltensexperimente, der Injektionen, der Operationen und ganz besonders den Methoden zum Töten der Labortiere wird deutlich, welche Handlungen die Forschenden vollziehen und warum es sich dabei um eine Gewaltpraktik handelt. Die Angaben stammen aus einer Datenbank von tierversuchskritischen Ärzten und Ärztinnen, die Versuchsbeschreibungen aus wissenschaftlichen Arbeiten zusammenfasst. Die Suche wurde auf Deutschland und die Versuche seit Anfang des Jahres 2019 eingegrenzt. Die ausgewerteten Versuche stellen nur einen Bruchteil der in Deutschland durchgeführten Versuche dar und sind somit nicht repräsentativ.

Die Dimensionen der Tierversuche

Die Anzahl der Labortiere je Versuch variiert insgesamt stark. Laut Tierschutzbericht der Bundesregierung aus dem Jahr 2019 betrug die Gesamtzahl der 2017 in Versuchen verwendeten Tiere 2.807.297. Etwa ein Viertel davon dienen als Nährmutter für Organe und Zellen. Angelehnt an eine Anfrage im Bundestag veröffentlichte der Tierschutzbericht für Sachsen-Anhalt aus 2019 eine Übersicht über die 2017 in dem Bundesland beforschten Tierarten. An der Spitze liegen Mäuse mit 1.368.447 verwendeten Tieren, gefolgt von Fischen und Ratten mit einer viertel Million Tieren. Rund 93.000 Kaninchen und mehrere tausend Affen und Hunde sind zudem aufgelistet. Fledermäuse werden wegen ihres Echolot-Gehörs mit Tierversuchen erforscht und Salamander haben mit ihren schnell nachwachsenden Gliedmaßen gleichermaßen eine besondere Eigenschaft. Die spezifische Auswahl nach Eigenschaften und Forschungsinteresse ist ein an der Tierforschungspraktik ausgerichtetes Wissens- und Regelsystem:

„Es galt, den idealen Modellorganismus (genetisch) zu konstruieren, »the ›right‹ organism for the job« (Clause, 1993, S.330): die Mehlmotte für die Virusforschung (Rheinberger, 2006), Drosophila für die Genetik (Kohler, 1994), Menschenaffen und Hunde für die Kognitionsforschung, Ratten oder Zebrafische für die Krebsforschung (Clause 1993; Endersby 2007; Meunier 2012) oder Meerschweinchen für die Bakteriologen“ (Hüntelmann, 2016, S.170).

Bei der Versuchstier-Zuchtfirma Janvier Labs sind Ratten und Mäuse von je einer bestimmten Zuchtlinie jederzeit im Alter zwischen 3 Wochen und 2 Jahren erhältlich. Zudem bietet die Firma an, jede weitere Linie auf das gewünschte Alter anwachsen zu lassen (Janvier Laboratories, o.J.). Hier können die Kunden sich außerdem eine zu ihren Wünschen passende Bestellung zusammenstellen: Sie können aus Kategorien wie Tierart, Alter, Geschlecht und der gewünschten genetischen Zusammensetzung auswählen (Janvier Laboratories, o.J.)

Versuchstierzuchtlabore

Nachdem ein Forschungsprojekt, in dem Tierversuche angewendet werden, geplant ist, stellen die Forschenden einen Antrag auf Genehmigung des Tierversuchs. Zur Vorbereitung besorgen sie Materialien, chemische Stoffe und Versuchstiere. Die Tiere werden gezüchtet oder extern bei Unternehmen eingekauft, die sich mit eigenen Zuchtlaboren auf das Heranzüchten von Labortieren spezialisiert haben. Insbesondere bei Ratten und Mäusen gibt es Marken-Zuchtlinien, die aus einem Genpool stammen und besonders gut vergleichbar sind: „Mit der Züchtung bestimmter Linien von Inzucht-Mäusen im Jackson-Laboratory (USA) etablierten sich spezifische Labor-Mauslinien als Standard für die entsprechenden Forschungsrichtungen“ (Hüntelmann, 2016, S.169). Mithilfe der Standardisierung von Versuchstieren und des Herstellungs- und Vertriebsprozesses kann der Schmerz der Tiere von den Akteuren leichter abstrahiert werden, da es diese Tiere nur wegen ihrer Versuchsfunktion gibt und für sie ein anderes Leben mit ihren genetischen Defekten schwer vorstellbar ist

„So werden Hund, Katze oder Kaninchen im Versuchslabor dem vermeintlichen wissenschaftlichen Fortschritt kühl geopfert, während ihre Artgenossen als Heimtiere gehegt, gepflegt und geliebt werden“ (Thieme, 2015, S.7).

Die Formulierungen aus der Ärzte gegen Tierversuche-Datenbank klingen, als würden die Ratten und Mäuse bei der Beschaffung aus einem Katalog bestellt, und festigen den Status der Ware, des Objekts: „Die Mäuse der Zuchtlinie C57BL/6 stammen von der Zuchtfirma Charles River, Sulzfeld“ (Ärzte gegen Tierversuche, Dokument-ID: 5144), „50 Mäuse werden von Janvier Labs (Saint Berthevin Cedex, Frankreich) gekauft“ (ebd., Dokument-ID: 5146) und „Es werden 63 weibliche 12 Wochen alte Spague-Dawley Ratten aus der Versuchstierzucht Harlan Winkelmann, Borchen, verwendet“ (ebd., Dokument-ID: 5155).

Ablauf und Auswirkungen der Genmanipulation

Die bei der Aufzucht der Tiere eingesetzten Genmanipulationen erfolgen in den befruchteten Eizellen, in den Embryonen der Großmütter oder durch Inzucht. Dies kann sich über mehr als 10 Generationen Urenkel hinziehen (Hüntelmann, 2016, S.169); die Mutationen zählen selbst auch als Tierversuche (Tierschutzbericht der Bundesregierung 2019, S.53). Am häufigsten werden transgene Mäuse genetisch verändert, anschließend Ratten, Salamander und Fruchtfliegen. Im Folgenden wird der Ablauf einer Züchtung beschrieben. Der Eintrag stammt aus der bereits erwähnten Tierversuchsdatenbank:

„Zunächst werden befruchtete Eizellen mit bestimmten gentechnischen Veränderungen in die Gebärmutter von pseudo-schwangeren Mäusen gepflanzt. Danach werden die daraus ‚entstandenen‘ Tiere mehrfach mit sogenannten Wildtypmäusen verpaart, die nicht gentechnisch verändert sind“ (Ärzte gegen Tierversuche, Dokument-ID: 5073).

Die gentechnischen Veränderungen machen sich unter anderem durch die Aktivierung und Deaktivierung von Nervenzellen, das Fehlen von Zellen oder das Wachsen von Tumorzellen bemerkbar. „So wurden beispielsweise in der Krebsforschung Mäuse gezüchtet, die besonders empfänglich für die Transplantation von Tumorzellen waren bzw. bei denen später durch äußere Reize wie Röntgenstrahlen Tumoren hervorgerufen werden konnten oder bei denen es zu einem ›spontanen‹, natürlichen Tumorwachstum kam“ (Hüntelmann, 2016, S.169).

Die Laborant*innen züchten Tiere, die durch Fehlen eines Gens zunächst eine chronische Leberentzündung entwickeln, dann eine Lebervernarbung und später Leberkrebs oder die an Atherosklerose erkranken, das ist eine Verstopfung der Blutgefäße. Die Genveränderung einer anderen Mäuselinie führt zu einer Netzhautzerstörung bei vollem Bewusstsein, die starke Sehstörungen und Erblindung mit sich bringt. Das sogenannte Alzheimer-Modell weist von den Forschenden beobachtbare Verhaltensstörungen, Gedächtnisverlust und Veränderungen in der sozialen Interaktionsfähigkeit auf. Außerdem wählen einige Forschende Labormäuse aus, die genetisch bedingt aggressiv gegenüber anderen Tieren sind oder übermäßig viel Nahrung zu sich nehmen und übergewichtig werden.

Akteure

Neben forschungsleitenden Wissenschaftler*innen assistieren Laborant*innen und Studierende bei den Versuchen und zur Unterstützung und Versorgung der Tiere gibt es in vielen Laboren Tierärzt*innen und Tierpfleger*innen. Seit den 50ern gibt es „Versuchstierkunde als eigene Disziplin […], worin sich die Professionalisierung der Versuchstierpflege und die Bedeutung der standardisierten Versuchstiere verdeutlicht“ (Hüntelmann, 2016, S.169). Mit der Ausbildung als Biologielaborant*in ist die Praktik institutionalisiert. Die Tierschutzbeauftragten sollen die würdige Behandlung der Tiere versichern und arbeiten im Sinn der Praxistheorie nach kulturell gefestigten Abläufen im Kontext von „Vertrauensbeziehungen“ (Reckwitz, 2003, S.285) an der Genehmigung von Tierversuchen mit (Pröbstl, 2017, S.140). Insgesamt sind wenig Menschen in direktem Kontakt mit den Versuchstieren: „Geschunden, gequält, geschlachtet, zerlegt, filetiert, verwurstet, zerhackt und geschnetzelt, das wird im Verborgenen. Dort, hinter hohen Mauern oder in Laboratorien wird keimfrei und diskret produziert und geforscht“ (Thieme, 2015, S.10).

Viele der Labore sind gut gesichert und nicht von außen einsehbar, sodass unbefugtes Eindringen verhindert wird und die Versuche unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden. Die Forschenden oder auch Akteure der Tierversuchspraktik sind Subjekte, die ihren Subjektstatus durch die „Trennung von Subjekt und Objekt“ (Thieme, 2015, S.4) erhalten. Die Objektivierung der Labortiere erleichtert die Verarbeitung der Versuchshandlungen, da Subjekte, an denen Gewalt ausgeübt wird, Mitgefühl erwecken. Das geht nur wegen den „gesellschaftlich konstruierten Sinn- und Legitimationszusammenhängen“ (ebd.), durch die Tiere als eine andere Lebensform als Menschen gekennzeichnet sind und durch die mit der Verknüpfung von Arbeitswelt und Tierversuchspraktik feste, institutionalisierte Strukturen entstanden sind.

Forschungslabore

Die Haltung der Labortiere während der Forschung erfolgt an den institutionellen Versuchslaboren, in denen die Experimente stattfinden. Neben Universitäten finden Versuche in Laboren von Hochschulen, Kliniken und Instituten sowie in der Privatwirtschaft statt. Die Umgebung wird weniger an die Bedürfnisse der Tiere als an die Versuchsinteressen angepasst: So gestalten die Forschenden sie je nach Versuch keimfrei und regeln die Temperatur sowie die Luftfeuchtigkeit. Auch Helligkeit und Dunkelheit, der Sauerstoffgehalt der Luft sowie Wasser und Nahrung stellen die Forschenden nach ihren Versuchsbedingungen ein. Die Labore sind standardmäßig mit Käfigen, Instrumenten und Geräten, Ausrüstung für die dort arbeitenden Menschen und hellem Licht ausgestattet.

Substanzen

Nach der Vorbereitung starten die Forschenden die Experimente und protokollieren Versuchsabläufe, Untersuchungsergebnisse und ihre Beobachtungen. In der Regel dauern die Versuche Wochen bis Monate, in denen die Akteure zunächst die Tierkörper auf das eigentliche Experiment vorbereiten, indem sie ihnen entweder Substanzen verabreichen, die Tiere operieren, diese trainieren oder Mehreres davon. Die Substanzen lassen sich abhängig von der Menge vom Zustand der Tiere unter in den ausgewerteten Versuchen als schädlich wirkend (Viren, Bakterien, Gifte, Krebszellen, Hormone, Kortison, Zucker, Öl), den Zustand verbessernd oder stabilisierend (Knochenmark, Stammzellen, Antikörper, Proteine, Antibiotika, weitere Medikamente, Koffein, Salze, Impfungen, Augentropfen) und versuchsbegleitend (Kochsalz, Farbstoffe, Lichtreaktionen auslösende und Blutgefäße oder Pupillen-weitende Stoffe) gruppieren. Im Zuge der Tests stecken Forschende Mäuse mit einem Grippevirus, Keuchhustenbakterien oder multiresistenten Eiterbakterien an. Anderen wird mit einem Katheter Insulin und Glukose gegeben und somit eine Schädigung der Leber verursacht. Neben Spritzen in den Muskel, den Bauchraum oder in die Venen sind weitere Geräte, mit denen Substanzen verabreicht werden, die Magensonde oder die Schlundsonde, ein gebogenes metallisches Rohr, das durch den Rachen der Tiere in ihren Magen führt.

Abbildung 1: Einer Ratte wird die Substanz zwangsweise über eine Schlundsonde eingegeben. Foto: Peta2,Quelle: Invitro+Jobs.

Die Labortiere werden zum Teil mit unterschiedlichen Methoden bestrahlt, wodurch ihr Knochenmark oder ihre Immun- und Stammzellen zerstört werden.

Operationen

Es gibt Operationen, die auf Beschädigungen, Reparaturen oder dem Ersetzen von Knochen, Gewebestücken und Organen beruhen. Bei testsituationsvorbereitenden Operationen befestigen die Akteure Geräte und Instrumente an den Körpern der Tiere, schneiden Organteile und Muskeln heraus, ersetzen diese, amputieren Körperteile oder transplantieren Knochen und Organe. Sie implantieren Elektrodenkammern, optische Glasfaserkabel sowie Reflektoren und operieren Geräte zum Messen von Organfunktionen ein. Nachdem zum Beispiel ein Blutdruckmessgerät in die Halsarterie und ein EKG-Messgerät in die Speiseröhre gelegt wurde, stellen die Forschenden die Sauerstoffbeatmung ab, ersticken die Tiere und lösen einen Herzstillstand aus. Dann beleben sie sie mit einer Herzdruckmassage und Defibrillator wieder. Bei einer Operation wird eine Hirnarterie verstopft, um einen Schlaganfall künstlich herbeizuführen an anderer Stelle wird ein Herzinfarkt ausgelöst. Forschende fügen Tieren als weitere Beispiele Muskel-Skelett-Traumata zu, indem sie Beine oder Arme durchsägen und ein Gewicht fallenlassen, das einen zertrümmerten Brustkorb oder zerquetschte Glieder verursacht. Beine und Knie werden mit Sägen, Bohrern, Zementhalterungen, Titanimplantaten, Metallplatten, Schrauben und Drähten bearbeitet und dabei entfernen Forschende Knochenstücke, Knochenmark oder Knorpel. Forschende entziehen Mäusen 70% des Blutes und versuchen sie mit einer Kochsalzlösung wiederzubeleben. Sie machen die Tiere mit Medikamenten in hoher Dosierung systematisch taub und testen dann Hörgeräte. Sofern die Tiere nicht während der Operationen sterben oder ohnehin getötet werden, da an ihnen nicht weiter getestet wird, verschließen die Forschenden zum Schluss jeder Operation die Wunden chirurgisch.

Der größte Teil der Operationen erfolgt unter Betäubung. Nach schweren operativen Eingriffen erhalten die Labortiere für wenige Tage ein Schmerzmittel. Teils in der Gabe von Betäubungsmitteln, da die Narkose aus rechtlichen und praktischen Gründen der Ruhigstellung der Körper angewendet wird, und vor allem in der Gabe von Schmerzmitteln werden die Grenzen vom Forschungsgegenstand zum Subjekt durchbrochen. In den im Weiteren beschriebenen Experimenten wird wieder deutlich, dass die Handlungen bei den Versuchen eine Objektivierung bei mitfühlenden Akteuren erfordern.

Verhaltensexperimente

Die Durchführung solcher Experimente kann einige Stunden dauern, da sie zum Beispiel vollständig operativ erfolgt, oder sich über Wochen und Monate hinziehen, in denen zumeist am Anfang des Experiments, bereits durch Vorbereitung und teilweise wiederkehrend ein Krankheits- oder Verletzungszustand oder -prozess ausgelöst wird, den die Akteure für längere Zeit beobachten.

Für Experimente arbeiten die Forschenden täglich mit den Labortieren und trainieren Abläufe durch viele Wiederholungen derselben Handlung oder testen ihr Verhalten und ihre Reaktionen. Affen werden trainiert, still auf einem sogenannten Primatenstuhl zu sitzen, während der Kopf an einem vorher am Gehirn festoperierten Metallgerüst angeschraubt ist, oder ruhig in einem schalldichten, beengten Raum zu sitzen. Ratten wird eine Alkoholabhängigkeit antrainiert, indem die Forschenden ihnen in mehrfachen Wiederholungen erst vier bis sechs Wochen dauerhaft Alkohol geben und sie dann zwei Wochen einen harten Entzug durchmachen lassen.

Während der Trainings werden die Tiere für das gewünschte Verhalten belohnt, zum Beispiel durch ein bisschen Flüssigkeit, Körner, Futterpellets, Mehlwürmer oder durch 30 Minuten Erholung. Zur Strafe für abweichendes Verhalten setzen die Versuchsdurchführenden Flüssigkeitsentzug, die ausbleibende Gabe von Saft und Futter ein oder schocken Tiere elektrisch über ein Bodengitter an die Pfoten oder über die im Hirn implantierte Elektrode. Bei den Experimenten wie beim forcierten Schwimmtest wird untersucht, wie lang Ratten durchhalten, zu schwimmen, bevor sie erschöpft sind. Beim „Open field/Novel object“-Test wird mit standardisiertem Versuchsaufbau getestet, ob Mäuse die erleuchtete Fläche betreten oder das Objekt beschnuppern oder ob sie sich an den Wänden aufhalten. Für den Elevated Plus Maze Test setzen Forschende eine Maus in ein Plus-förmiges Labyrinth.

Abbildung 2: Ergebnisse eines open field- und eines elevated plus maze Tests, Quelle: Research Gate.

Es gibt extra für Mäuse Laufbänder mit verstellbarer Geschwindigkeit und Neigung. Forschende und Erforschte befinden sich in einer für sie und für die Tätigkeit Tierversuche hergestellten Umgebung und durchlaufen die Trainingsdurchgänge: „Eine Praktik besteht aus bestimmten routinisierten Bewegungen und Aktivitäten des Körpers“ (Reckwitz, 2003, S.290). Die kontinuierliche Arbeit mit den Versuchstieren erfordert ein stetiges Auseinandersetzen mit emotionalen Reaktionen auf die Versuchstiere und zum Teil die Überwindung, ihnen (wiederholt) Schmerzen zuzufügen.

Versuchsaufbau

Als Material stellen die Forschenden einen zylindrischen Behälter, eine Kiste oder eine Kammer bereit, die mit einem Mikrofon-Lautsprechersystem, einer Wärmelampe, Kältepackungen oder einer Temperaturregelung versehen sind ist oder in der ein Bildschirm, Tasten oder Schalter installiert sind. Sie verwenden eine Reihe von komplexen Maschinen, wie ein Herzfrequenz-, Blutfluss- oder Blutdruckmessgerät sowie ein Gerät zur künstlichen Beatmung. Die extra für Tierversuche entwickelten und hergestellten Geräte gibt es in der passenden Größe für Kleintiere. Der in vielen Laboren bereitgestellte Primatenstuhl ist ein Rahmengestell, in das die Forschenden den Affenkopf einspannen, eine sogenannte stereotaktische Apparatur, an der ein Stab zum Fixieren oder eine Kopfhalterung fest gemacht werden kann, der im Kopf der Affen implantiert ist. Die Forschenden verwenden bei den Experimenten Rückenhautkammern, deren Anbringung und Verwendung in einem längeren Abschnitt in der Datenbank der Ärzte gegen Tierversuche beschrieben wird:

„Die Maus wird betäubt und die Kammer wird – wie bei einem Sandwich – chirurgisch implantiert. Dabei wird die Rückenhaut gespannt und zwischen 2 Metallrahmen fixiert, die anschließend fest zusammengeschraubt werden – hierzu werden Löcher in die Haut der Maus gebohrt. In der Mitte der Rahmen befindet sich ein rundes Beobachtungsfenster. Dadurch kann man die Blutgefäße der Maus durch die extrem gespannte Haut am lebenden Tier beobachten und mikroskopieren. Im Bereich des Beobachtungfensters werden dem Tier Unterhautgewebe und Muskelschichten herausgeschnitten und das Gewebe mit einem Glasplättchen abgedeckt, damit es nicht austrocknet“ (Ärzte gegen Tierversuche, Datenbank-ID: 5099).

Im Zuge der Versuche arbeiten die Akteure mit Mikroscheren und -pumpen, Kathetern, Kanülen, Klemmen, Beuteln für ablaufendes Sekret, Schläuchen, Endoskopen, Pinzetten und Thermometern aus dem medizinischen Bereich und setzen eine Hörprothese, Kontaktlinsen und Schaumstoff-Ohrstöpsel ein. Diese medizinischen Gerätschaften verweisen auf medizinisches Wissen und medizinische Fähigkeiten, die die Forschenden zum Umgang mit den Labortieren benötigen, erlernen und weitergeben. Zur Tierhaltung werden Käfige, Futternäpfe, Trinkflaschen, Streu und Seile verwendet. Im Zusammenhang mit den Verhaltens- und Reaktionstests finden Untersuchungen statt, für die Röntgengeräte, Positronen-Emissions-Tomographie-, Magnetresonanztomographie- und Computertomographie-Geräte zur Abbildung von Knochen, Organen und Gewebe verwendet werden, die es speziell für Tierversuche gibt.

Abbildung 3: Ein Kleintier-MRT, Quelle: Uniklinikum Jena.

„Beim Vollzug einer Praktik kommen implizite soziale Kriterien zum Einsatz, mit denen sich die Akteure in der jeweiligen Praktik eine entsprechende ‚Sinnwelt‘ schaffen, in denen Gegenstände und Personen eine implizit gewusste Bedeutung besitzen, und mit denen sie umgehen, um routinemäßig angemessen zu handeln“ (Reckwitz, 2003, S.292).

Die Arbeit mit Sägen, Bohrern, Hämmern, Nägeln und Schrauben in Tierversuchen erinnert zugleich an handwerkliche Tätigkeiten. Zusammen mit Aluminiumgewichten und Metalldraht sind sie Materialien und Werkzeuge, die den Akteuren die Distanz zum Forschungsobjekt, dem Versuchstier, erleichtert, da sie sie in Situationen der handwerklichen Arbeit mit Baustoffen an Objekten hereinversetzen. Die Ausrüstung und die Hygienegegenstände, beispielsweise Kittel, Schutzanzüge, Schutzbrillen und Mundschutze, verstärken den klinischen Eindruck und die emotionale Distanz. Diese ermöglicht den Forschenden, ihre Arbeit zu verrichten, ohne von ihrem Mitgefühl mit den Belastungen der Tiere mitgenommen zu werden. Die Belastungen, Beschädigungen und Schmerzen werden im nächsten Abschnitt zu den Folgen der Tierversuche beschrieben.

Folgen

Mit Substanzen oder Giften erwirken die Akteure Hirnschäden, verursachen die Auflösung von Muskelzellen und Knochen, die Zerstörung von Knochenmark, Blutplättchen und -körperchen und diverse Entzündungen. Im Zuge der Verhaltenstests geben sie den Tieren ein Drittel der normalen Futterration, was akutes Hungern und bei Fortführung chronisches Hungern, Blutungen und Erkrankungen des Nervensystems zur Folge hat. Andere Tiere erhalten zu viel Fett und werden übergewichtig bis hin zur Entwicklung einer Leberfibrose (Leberverfettung) oder einer Hyperglykämie (Überzuckerung). Federverlust, Bewegungsstörungen wie ein Schiefhals und Lähmungen, depressives Verhalten, chronischer psychosozialer Stress und Angst sind weitere Versuchsfolgen. Überdies leiden die Tiere in Folge der Experimente an Schlaganfällen, Sehnenerkrankungen, schwerwiegenden Entzündungen auf der Haut, in den Blutgefäßen und in den Organen, die sich durch Zysten, Geschwüre, Schleimhautverdickung und die Ausschüttung von Wundsekreten äußern. Bei einigen Labortieren folgen auf die Einwirkungen schwere Lungen- oder Nervenschäden, eine Herzmuskelverletzung sowie Tumore. Einige Tiere leiden durch die Versuche an Krämpfen sowie Bewegungs- und Koordinationsstörungen. Aufgrund eines Risses der Herzarterie oder einer Lungenquetschung sterben einige Mäuse frühzeitig. Nach einer Ansteckung mit dem Afrikanischen Schweinepestvirus finden die Forschenden die Tiere mit Symptomen wie Blutungen aus der Nase und dem After, blutigen Durchfall, Erbrechen, Hustenanfälle und Atemnot auf, die bis zum Tod führen. In ein paar Fällen werden Labortiere vor der Beendigung der Versuche von den Forschenden getötet, weil sich Fixierungen lösen oder weil sie extreme Schmerzen haben.

Tötung

Die Forschenden töten die Labortiere mit verschiedenen Methoden. Narkosemittel, Schlafmittel und Betäubungsmittel in überhöhten Dosen sind häufig verwendete Substanzen, so wie zum Beispiel Kaliumchlorid, das einen Herzstillstand auslöst. Sie pumpen zum Töten Kochsalzlösung ins Herz oder injizieren Gifte wie Formalin, mit dem die Tiere gleichzeitig konserviert werden. Die Forschenden begasen die Tiere mit einer Überdosis Kohlendioxid, brechen ihnen das Genick und nicht selten Köpfen sie die Labortiere mit vorheriger Betäubung. Nach dem Tod entnehmen die Akteure den Tieren Körperteile und Organe. Zudem sezieren sie die Augen, die Gehirne, die Kiefer, die Halsschlagadern, die Herzen und Zwerchfelle, die Speiseröhren, die Aorta, die Organe, Sehnen und Gewebe. Anschließend präparieren sie Muskeln sowie Nerven und untersuchen die entstandenen Gewebeschäden und den Zustand der Regeneration der Gewebe im Labor und führen weitere Analysen des Blutes und der Zellbestandteile durch. Die Schritte werden protokolliert und die Versuchsobjekte und -materialien werden aufgeräumt.

Klassifikation

Die tiefgreifenden Veränderungen an den Körpern der Labortiere werden geplant und ausführlich vorbereitet, inclusive dem Schreiben von Anträgen (Pröbstl, 2017). In der Datenbank der Seite www.animaltestinfo.de werden die eingeschätzten Schäden der einzelnen Versuche von den Antragstellenden aufgeführt. Eine Forschungseinrichtung klassifiziert die Versuche als mild bis ohne Erholung. Bei milden und moderaten Verläufen gibt es keine oder wenig nachhaltige Schädigungen bei den Tieren, schlimm bezeichnet langanhaltende und starke Schmerzen oder starkes Leiden und schlimme Schädigungen. In einigen Versuchen erholen sich die Labortiere nicht mehr von der Narkose (Max-Planck-Institut, Facts and Figures).

Bei Untersuchungen mikroskopieren die Forschenden Gewebe und Entzündungen, messen biomechanische Eigenschaften des Knochens und beurteilen Gesundheitszustände mit einem Punkteschema, „das von sehr aktiv (6 Punkte) über reduzierte Aktivität und lethargisch bis zu sterbend (1 Punkt) reicht“ (Ärzte gegen Tierversuche, Dokument-ID: 4994). Mit einer Skala aus einem Versuch aus 2019 teilten die Forschenden den Zustand der Tiere in messbare Abschnitte ein:

„Stufe 1: Lähmung des Schwanzes; Stufe 2: Schwäche der Hinterbeine; Stufe 2,5: Beginn einer Lähmung der Hinterbeine; Stufe 3: vollständige Lähmung der Hinterbeine; Stufe 4: Lähmung aller vier Gliedmaßen; Stufe 5: Tod des Tieres.“ (ebd., Dokument-ID: 5143)

Die Nummerierung und Eingruppierung von gesundheitlichen Zuständen wie das Fehlen von Namen für die Versuchstiere erleichtern die emotionale Abstrahierung von den Schmerzen der Tiere seitens der Forschenden. Die Tiere erhalten zudem im Unterschied zu Zoo- und Zirkustieren keine Namen, um den Effekt der Objektivierung durch emotionale Distanz zu verstärken. Auf diese Weise verschaffen sich die Akteure einen Zugang zur Beherrschung der eigenen natürlichen Emotionen (Sebastian & Gutjahr, 2013, S.102-104) und somit zur Beherrschung ihrer Natur, das für sie in dem Moment den Status des aufgeklärten, modernen Menschen mimt.

„Zweck der Aufklärung sei es, ‚im umfassenden Sinn fortschreitenden Denkens (…) von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen‘. Im Zuge des Zivilisationsprozesses gehe ‚der Mythos (…) in Aufklärung über, die Natur in bloße Objektivität‘“ (ebd., S.101, zit. n. Horkheimer & Adorno 2004, S.9). Trotz der Arbeit mit enorm belasteten Tieren finden Forschende nach wir vor einen Umgang damit, so dass sie die Arbeit in den meisten Fällen fortführen können. Die Überzeugung, mit medizinischen Erkenntnissen Menschen und Tieren zu helfen, ist hier vermutlich ein ausreichendes Argument, um die Schmerzen der Tiere vor sich selbst zu legitimieren.

 

Christiane Grinda studies in the master program Social Science (Culture & Person) at the Ruhr-Universität Bochum (Oktober 2021)

Bibliographie

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