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Das Guillotinieren während der Terreur

Johanna Mues, Ruhr-Universität Bochum

Einleitung

Dass Ludwig XVI. während der Französischen Revolution seinen königlichen Kopf durch die Guillotine verlor, ist vielleicht eines der bekanntesten Geschichtsbilder dieser Zeit. Die Guillotine stand und steht in Teilen weiterhin auch als umfassender Ausdruck für die im gesellschaftlichen Übergang aufgetretene, revolutionäre Gewalt per se. Dabei fehlte es der revolutionären Dekade (1789-99) insgesamt nicht an kollektiven Gewaltmomenten wie den Revolutionskriegen, Bürgerkriegen mit aufständischen Provinzen – hier vor allem in der Vendée – oder geplanten wie spontan ausbrechenden Massakern (Gebhard, 2011). Dies liegt insbesondere daran, dass die Guillotine als Hinrichtungsinstrument während der radikalsten Phase der Revolution, der sogenannten Terreur oder Schreckensherrschaft (März 1793 – Juli 1794), einem politisch-strategischen Gebrauch unterworfen wurde, was eine deutliche Steigerung der täglichen Hinrichtungen bedeutete. Diese Hinrichtungen in Serie konfrontierten die Zeitgenossen also mit zuvor ungesehenen Massen an mechanisch geköpften Toten (Reichhardt, 2019).

Es entstand überhaupt erst im Kontext dieser Terreur ein Handlungsraum, der das Guillotinieren von einer Hinrichtungspraktik gegen ein einzelnes, straffällig gewordenes Individuum zu einer kollektiven Gewaltpraktik gegen (vermeintliche) politische Gegner ausweitete und die Praktik somit aus dem etablierten Rahmen des regulären Strafvollzugs löste. In diesem fand die Guillotine in Frankreich von 1792 an noch bis 1977 ihren Einsatz zur Vollstreckung der Todesstrafe. Die Terreur wird in der Regel von der Forschung als ein systematisches politisches Verhalten und Vorgehen interpretiert, mit dem vor allem die Revolutionsregierung, die ab April 1793 de facto ausschließlich aus dem Wohlfahrtsausschuss unter Maximilien Robespierre bestand, versuchte, die Revolution vor ihren äußeren und inneren Feinden zu verteidigen. Nach und nach entstand so ein komplexes Repressionssystem, das durch den gezielten Einsatz von unberechenbarer Gewaltausübung und Einschüchterung ermöglichte, jede Form der politischen Opposition vor Sondergerichten, den sogenannten Revolutionstribunalen, oder speziellen Zivil- und Militärkommissionen, zu verurteilen bzw. auch ohne Gerichtsverfahren zu disziplinieren. Als Regierungsprinzip und Herrschaftsinstrument des Wohlfahrtsausschusses wandte sich die Terreur dabei auch gegen zuvor revolutionstragende Personen(gruppen) im Parlament oder im Militär und nahm zeitweise den Charakter von politischen Säuberungen nach innen an (Reichhardt, 2019; Lachenicht, 2016, S.80-90; Greer 1966). Aus praxeologischer Sicht lässt sich die Terreur besser als ein Set an vielen verschiedenen Gewaltpraktiken verstehen, die in Teilen schon zuvor infrastrukturell und institutionell verankert waren und somit während der Entwicklung des terroristischen Systems zur Verfügung standen, so auch beispielsweise die Hinrichtungspraktik durch die Guillotine wie im Folgenden gezeigt werden soll.

Die Terreur lässt sich zudem als kollektive Gewalt fassen, und somit ebenso die Praktik des Guillotinierens als Bestandteil der Terreur, da die Gewaltausübung deutlich durch die vermeintliche Existenz zweier Gruppen – der Revolutionsfreunde bzw. -feinde – motiviert und gerechtfertigt wurde. Dabei lagen der Zuordnung zur Gruppe der Revolutionsfeinde seitens der Herrschafts- und Gewaltausübenden nie stabile Kriterien zu Grunde, sodass fast jeder der Terreur und der Guillotine zum Opfer fallen konnte. Weiter begründen lässt sich das kollektive Moment durch die revolutionäre Ideologie und Morallehre. Diese stilisierten die Terreur rhetorisch als verlängerten Arm revolutionärer Gerechtigkeit gegen die Anhänger einer ungerechten alten Ordnung und gegen all jene, die vermeintlich den Gesellschaftsvertrag und die volonté générale des Volkes missachteten. Diese Elemente galt es aus dem nationalen Volkskörper zu entfernen, zunächst nicht um ihrer selbst und ihrer subversiven politischen Handlungsmacht willen, sondern vielmehr weil sie das politisch Andere repräsentierten (Hénaff & Scher, 1998, S.8-10; Reichhardt, 2019). Letzthin konnten so aber auch zweckrational und systematisch politische Gegner unter anderem durch die Guillotine ausgeschaltet werden, womit sich die Staatsmacht mittels ihrer Institutionen gegen Teile der eigenen Bürgerschaft wandte.

Alles Nachfolgende konzentriert sich aus Gründen der Quellendichte und -verfügbarkeit hauptsächlich auf den Gebrauch dieser politischen Guillotine (Reichhardt, 2019) in Paris. Vor der Beschreibung der kollektiven Gewaltpraktik soll zunächst aber ein ausführlicherer Überblick zur Herausbildung und Elementen der Hinrichtungspraktik sowie der Erweiterung des juristischen Rahmens, während der Terreur gegeben werden, da hier bereits einige Grundzüge der späteren Gewaltpraktik angelegt waren bzw. diese ausmachten. Dies ist wichtig, um die Entstehung, Ausübung und gesellschaftliche Akzeptanz der institutionalisierten Gewalt in diesem konkreten historischen Kontext zu verstehen. Austin (2019) folgend soll dabei vor allem darauf eingegangen werden, wie bestimmte nicht-menschliche Artefakte, Systeme und räumliche Umfelder gewaltvolle Praktiken vorstrukturieren, verbreiten und legitimieren.

Genese des zentralen Artefakts

Quellenbelege für alle bekannten Vorgängerkonstruktionen der Guillotine finden sich insbesondere in Gesetzestexten wie städtischen Statuten bzw. Urkunden, die Privilegien der Rechtsprechung bestätigen, oder aber Reiseberichten und Chroniken, die Beschreibungen von Gerichtspraktiken in verschiedenen Ländern einschließen (Böhmer, 1821). Dieser Quellenlage nach scheinen daher auch bereits die Vorläufermaschinen in einem exklusiven Zusammenhang mit institutionalisierten Hinrichtungen gestanden zu haben und nur gemäß dem geltenden Recht als Todesstrafe für spezifische, meist schwere Vergehen (wie z. B. Vergewaltigung, Mord oder Hochverrat) eingesetzt worden zu sein. Gemeinsam ist den Vorgängern auch ihre grundlegende Konstruktion: zwei mehr oder weniger hohe vertikal und parallel zueinanderstehende Holzbalken verbindet am unteren Ende entweder ein Holzblock oder ein Querbalken und am oberen Ende ein weiterer Querbalken, an dem ein mit Gewichten beschwertes, bewegliches, zwischen den Balken fallendes bzw. fahrendes Beil mit einem Seil festgemacht ist. Der Hinzurichtende kniet oder liegt dementsprechend so vor der Maschine, dass sein Hals auf dem unteren Querbalken bzw. Holzblock liegt. Sobald das Seil oben aus der Haltevorrichtung gelöst oder durchtrennt wird, kommt das Beil augenblicklich mit großer Geschwindigkeit nach unten und trennt den Kopf vom Rumpf (ebd.). Nach dem Minimalschema haben die Hinrichtungen durch ein mechanisches Fallbeil also die folgenden Ablaufschritte: Verurteilung zum Tod, das Platzieren des Körpers vor der Maschine und insbesondere des Kopfes auf dem unteren Balken sowie das Auslösen des Fallmechanismus. Viele Darstellungen der Vorgängermodelle zeigen implizit die Gesamtheit dieses Ablaufs, da sie den Moment kurz bevor das Seil gelöst wird, bildlich festhalten. Die Person, die sich vor der Maschine bereits in der richtigen Position befindet, ist deutlich als zum Tode verurteilt zu erkennen – wieso würde sie sonst vor einer solchen knien – und ihr Tod durch das imminente Herunterkommen des Beils bereits so weit antizipiert, dass er schon fast vollstreckt ist. In der Logik der Bewegung kann er schließlich kaum noch aufgehalten werden.

Abbildung 1: Bildliche Darstellung eines Fallbeils im Moment der Auslösung des Mechanismus aus dem deutschen Kulturraum, ca. 1550, Quelle: Gallica.bnf.fr Bibliothèque Nationale de France. 

Die frühesten Zeugnisse für mechanische Fallbeile tauchen etwa ab dem 13. Jahrhundert in Deutschland bzw. den Niederlanden (sog. Diele) und England (sog. Halifax Galgen bzw. english gibbet) auf. Man kann vielleicht davon ausgehen, dass die Praktik schon etwas vor dem schriftlichen Festhalten dieser existierte. Die Geräte entstanden als mechanische Unterstützung des Henkers für die Enthauptung durch das einfache Richtbeil und wurden vermutlich bei sozial höher gestellten Bürgern eingesetzt. Böhmer vermutet auch, dass bei der Entwicklung und Verbreitung regionale, juristische Traditionen eine Rolle spielten, da diese frühen Vorgängermodelle hauptsächlich in Herrschaftsgebieten außerhalb der römischen Rechtstradition, welche die Hinrichtung mit dem Beil untersagte, als lokales Rechtsprivileg zu finden sind (Böhmer, 1821, S. 16, 33-35, 47-49). Auch die in Italien (sog. mannaia), Schottland (sog. maiden) und Frankreich (sog. doloire) ungefähr mit dem ausgehenden 16. Jh. auftretenden Maschinen finden sich regional begrenzt im Languedoc bzw. Edinburgh und den größeren italienischen Städten. Der sozial differenzierte Gebrauch ist hier jedoch definitiver, da diese Art der Hinrichtung hauptsächlich für Adlige und Geistliche vorgesehen war (ebd., S. 41, 50, 53). Für die Zeit vor der Französischen Revolution finden sich keine Beispiele oder Überlieferungen eines aktiven Gebrauchs der oben genannten Modelle, außer ggf. der mannaia in Italien (ebd., S. 43-44). Vielmehr ersetzte spätestens ab dem 18. Jh. die Enthauptung mit dem Schwert die Fallbeilmaschinen. In einigen Räumen, z. B. in den deutschen Staaten (16. Jh.) und England (Mitte des 17. Jhs.) verschwanden sie sogar noch wesentlich früher. Insgesamt kann man auch kaum von einem flächendeckenden oder häufigen Gebrauch in Zeiten der Nutzung sprechen. Für die Stadt Halifax, in deren Umkreis sich Hinrichtungen mit der Halifax konzentrierten, sind beispielsweise 49 dieser Todesurteile für den Zeitraum zwischen 1541-1650 überliefert (ebd., S.48). Im Schnitt kam die Maschine hier also etwa alle zwei Jahre in Gebrauch. Auch die Erwähnung der Hinrichtungswerkzeuge in Reiseberichten bedeutet, dass sie dort vor allem als berichtenswerte-weil-außergewöhnliche Gegenstände Eingang fanden. Trotz dieser wenig intensiven Nutzung sowie dem unregelmäßigen Auftreten der Maschinen und somit der Seltenheit der Hinrichtungspraktik selbst blieb sie jedoch über mehrere Jahrhunderte erhalten und war kontinuierlich im Repertoire der Strafpraktiken präsent. Durch die Überlieferungen der Hinrichtungen durch mechanische Fallbeile in Bild und Schrift, ggf. auch Wort und kollektive Erinnerung, war das Bauprinzip im europäischen Raum weitläufig bekannt und auch die Revolutionäre konnten daher verhältnismäßig leicht an sie anknüpfen.


Dies geschah zunächst im Zusammenhang theoretischer Überlegungen und politischer Forderungen bezüglich der revolutionären Strafvollzugsreform, die die Todesstrafe egalisieren und humanisieren sollte. Der Arzt Joseph-Ignace Guillotin forderte bereits 1789, dass die Todesstrafe für alle Vergehen und alle Straftäter jenseits von Standesgrenzen allgemein nur durch eine kurze maschinelle Enthauptung durchgeführt werden solle, um einen, so die Idee, schmerzfreien, würdevollen und menschlichen Tod herbeizuführen. Dieser Grundgedanke schrieb sich stark in die dynamischen, aufklärerischen Diskurse der Zeit ein und kritisierte insbesondere die als zu grausam und blutig empfundenen Strafen des Ancien Régime (Vierteilung, Verbrennen, Rädern usw.). Er beruhte aber auch auf den neuesten medizinischen Wissensbeständen über die menschliche Anatomie, Schmerzübertragung durch das zentrale Nervensystem sowie den Prozess des Sterbens. Die Forderung der Enthauptung als scheinbar einzige medizinisch fundierte, humane Form der Tötung ging im September 1791 schließlich in das neue Strafgesetzbuch ein (Carol, 2012; Arasse, 2010). Dabei wurde jedoch über die technische Umsetzung der Enthauptung bis März 1792 nicht weiter entschieden. Schließlich merkte der Henker von Paris, Charles-Henri Sanson, an, dass die Vollstreckung der Enthauptung wie bisher mit dem Schwert für die Masse an potentiellen Köpfungen technisch schwierig und unsicher wäre, eine Durchführung mehrerer Hinrichtungen hintereinander quasi unmöglich. Durch diesen Bearbeitungsstau und weil sich die Pariser Gefängnisse außerdem rapide mit unter dem neuen Strafgesetz verurteilten Delinquenten anfüllten, entstand eine Drucksituation. Diese erforderte, möglichst schnell eine Möglichkeit zu finden, eine regelmäßige, zuverlässige und für den Henker nicht zu ermüdende Enthauptung mit serieller Durchführungsmöglichkeit im täglichen Strafvollzug sicher zu stellen. Hier griff man schließlich auf die bereits bekannte und auch von Guillotin schon angeführte Hinrichtungspraktik mittels einer Fallbeilmaschine zurück. Die Guillotine wurde schließlich in Zusammenarbeit zwischen Sanson, dem Arzt Antoine Louis und dem Tischler Tobias Schmidt entworfen und gebaut (Arasse, 2010, S.38-46). Wenigstens Antoine Louis kann man dabei eindeutig Kenntnisse der Maschine und der Hinrichtungspraktik in England nachweisen (ebd., S.275-277).

Abbildung 2: Wahrscheinlich erste authentische Darstellung der Guillotine, 1792, Quelle: Bibliothèque Nationale de France, Abbildung nach Kershaw 1959, Tafel VI.

Die ersten Baupläne und frühen Typen der Guillotine, die während der Revolution gebraucht wurden, gingen verloren. Allein eine Zeichnung, die 1792 nach der vollständigen Entwicklung der Maschine mit weiteren Instruktionen nach Kershaws Einschätzung als Bauanleitung in die Provinzen geschickt wurde, damit diese die von Paris aus gelieferten Guillotinen aufbauen konnten, existiert noch (Kershaw, 1959, S.31, 66-67; Tafel VI; Fig. 2). Daraus und einigen theoretischen Baukonzeptionen, die von Louis überliefert sind, ergibt sich etwa folgende Beschreibung der Maschine. Sie hatte ein schweres Holzkreuz als unteres Gegengewicht bzw. diente auch das sehr stabiles Schafott als Grundgerüst, auf dem zwei vertikale etwa 4,50 m hohe Pfosten parallel zueinander angebracht waren, die wiederum durch einen Querbalken oben und einen Richtklotz unten verbunden wurden. Die Pfosten waren an der Innenseite mit je einer rechteckigen Rinne versehen, in denen der Rammklotz nach unten glitt. Dieser bestand aus einem Balken, an dem oben ein Eisenring in der Mitte befestigt war, durch den ein Seil lief. An dem Rammklotz waren unten ein Eisengewicht und an diesem schließlich das schräge, sehr scharfe Schneidemesser angebracht. Die beiden Enden des Seils liefen über zwei am oberen Querbalken befestigte Rollen jeweils nach außen zu den beiden Pfosten. Ließ man beide Enden des Seils los, fiel der Rammklotz dank der Rinnen genau zwischen den beiden Pfosten nach unten bzw. konnte so wieder nach oben gezogen werden. Vor dem Richtblock war ein Kippbrett (bascule) montiert. In vertikaler Stellung vor der Guillotine konnte der Körper der Verurteilten darauf festgemacht und das Brett anschließend in die Waagerechte genau vor den Richtblock gebracht werden. Auf diesem war ein halbmondförmiger Holzkragen (lunette) befestigt, in den der Kopf hineingelegt und mit einem oberen ebenfalls halbmondförmigen Gegenstück aus Eisen, das ebenso in den Pfostenrinnen bewegt werden konnte, fixiert wurde. An der anderen Seite des Richtklotzes war ein Ledersack zum Auffangen der Köpfe befestigt. Der Richtblock diente außerdem zum Stoppen des Rammklotzes. Der ursprüngliche Auslösemechanismus des Fallmessers wurde noch vor dem Ausbruch der Terreur durch eine Vorrichtung mit einem schwenkbaren Hebel an einem der Außenpfosten ersetzt. Die Guillotine war rot angestrichen (Kershaw, 1959, S.53, 69-70; Delarue, 1979, Kap.6). Insbesondere die Präzision und der stabile Bau der Maschine, die Schärfe des Fallmessers, das nicht nach jeder Enthauptung nachgeschliffen werden musste wie bspw. ein Schwert, sowie die Immobilisierungsvorrichtungen für das Opfer machten die Guillotine aus.
Im Unterschied zu ihren Vorgängern, die wenig gebraucht und auch eher individuell für die Hinrichtung Einzelner gebaut worden zu sein scheinen, ist bei der Guillotine dagegen eine Ausrichtung auf ein serielles, alltägliches Funktionieren gegeben, das ursprünglich die reibungslose und „humane“ Vollstreckung der Todesstrafe sichern sollte. Diese möglichst unfehlbar gemachte Maschine ermöglichte es später in der Terreur, auf ein zentrales Artefakt zurückzugreifen, das nahezu problem- und pausenlos mehrere Köpfe hintereinander abtrennen konnte. Sowohl die Hinrichtungs- als auch die Gewaltpraktik sind somit untrennbar mit der Verfügbarkeit der Guillotine als Artefakt verbunden. Guillotinieren kann man schlicht nicht ohne die Guillotine. Die Handlungsoptionen gegenüber dem Artefakt, will man es seiner eigenen Logik entsprechend benutzen, sind ebenso relativ begrenzt und es kann in seiner Gesamtheit kaum für etwas anderes als Tötung gebraucht werden. In der Terreur änderte sich daher auch nicht die prinzipielle Art des Gebrauchs und somit der Kern der Praktik als vielmehr die Frequenz. Jedoch konnte trotz dieses Massentötungscharakters das Artefakt gleichzeitig ermöglichen, auch weiterhin die Aura eines legitimen und gerechten Rahmens zu bewahren, da die Fallbeilmaschine seit dem 13. Jh. als angemessenes Werkzeug ausschließlich in der institutionalisierten Gerichtsbarkeit eingesetzt wurde.

Kontinuität im praktischen Strafvollzug und seine Erweiterung

Weitere Elemente der ursprünglichen Hinrichtungspraktik, die Kontinuität zur späteren Gewaltpraktik herstellen und daher hier genauer beschrieben werden, bestehen im Know How des immer gleichen Henkers, Charles-Henri Sanson bzw. auch seines Sohnes Henri, sowie in der Öffentlichkeit und Publikumsorientierung der Hinrichtung. Beide Elemente wurden aus der Tradition des Ancien Régime übernommen bzw. weitergeführt. Die rechtlichen Strukturen um die Hinrichtungspraktik herum wurden jedoch im Rahmen der Terreur erweitert.

Unter anderem weil der Henkersberuf und die ihn ausübenden Personen über Jahrhunderte eine allgemeine soziale Verachtung und Randstellung innerhalb der Gesellschaft erfuhren, wurde die Zunft der Henkersmeister in Frankreich von einigen wenigen Familien bestimmt, die untereinander durch Heirat eng verbunden waren. Die Wissensbestände über das Hinrichten und dafür nötige Werkzeuge, Techniken und Abläufe wurden also innerhalb einer relativ kleinen Expertengruppe über Generationen weitergegeben und erweitert. Die Familie Sanson hielt zum Zeitpunkt der ersten Exekution mit der Guillotine seit etwa 160 Jahren das Henkersamt der Stadt Paris sowie fünf weitere Henkersämter in verschiedenen Provinzstädten Frankreichs. Charles-Henri Sanson, der das Amt in Paris von seinem Vater übernahm, war dabei seit etwa seinem fünfzehnten Lebensjahr durch Hilfstätigkeiten und Lehre bei verschiedenen Familienmitgliedern im Henkersberuf tätig und bildete ebenso seine eigenen Söhne zunächst als Gehilfen, dann zu Henkern aus. Weitere seiner Gehilfen zur Zeit der Revolution kamen ebenfalls aus bekannten französischen Henkersdynastien (Delarue, 1979, Kap.10). Seine Rolle während der Einführung der Guillotine ging schließlich auch über den bereits erwähnten Impuls zur Mechanisierung der Enthauptungen hinaus, indem er den ersten Prototyp Mitte April 1792 mehrere Male an Schafen und menschlichen Leichen testete und Verbesserungen anregte, bis dieser seiner Vorstellung nach funktionierte (Kershaw, 1959, S.61-62). Bis zum Jahr 1795, in dem Charles-Henri Sanson sich zur Ruhe setzte, gestalteten er und sein ältester Sohn Henri die Hinrichtungen mit der Guillotine. Dabei wurden sie von bis zu vier Gehilfen unterstützt, die in dieser Zeit nicht wechselten (Delarue, 1979, Kap.10 & 11). Der spätere reibungslose Verlauf in der Durchführung der Praktik ergab sich also zum einen aus der vorhergehenden Einübung an der Maschine selbst und zum anderen durch die Routinisierung und Perfektionierung der nötigen Handlungsabläufe durch dieselbe Personengruppe. Dies lag notgedrungen im Charakter der beruflichen Tätigkeit des Henkers per se, war aber im Besonderen auch in der familiären Tradition als Hinrichtungs- und Gewaltexperten angelegt. Auch die Kenntnisse der Henker Sanson von der Stadt Paris, die als Örtlichkeit sowie mit ihren Bevölkerungsgruppen und Behörden die Hinrichtungen mitgestaltete, können als notwendiges praktisches Know How angesehen werden.

Der Charakter der Hinrichtungen als öffentliches Schauspiel ergab sich vor allem durch den städtischen Raum, in dem die Hinrichtungen durchgeführt wurden. Hierfür wurde zunächst der Grève Platz gewählt, der traditionelle Hinrichtungsplatz von Paris. Für das Ancien Régime ist dabei gezeigt worden, dass die städtische Bevölkerung der Alltäglichkeit des öffentlichen Strafvollzugs als zentrale Inszenierung der politischen Macht nie entgehen konnte und sie daher gewohnt war und erwartete. Unausweichlich musste die Menge bei diesen Inszenierungen also ihre allgemeine Befürwortung oder Ablehnung der politischen Autorität als (auch über sie) gewaltausübende und strafende Macht kommunizieren, welche wiederum durch diesen Akt des Gesehen-werdens ihre legitime Existenz absicherte. Die Öffentlichkeit des Strafgerichts schuf somit eine enge Bindung zwischen der politischen Macht des Königs und der Gesellschaft (Farge, 1989, S.199-204). Durch die extrem verkürzte Dauer der Hinrichtung durch die Guillotine, während der man den Akt des eigentlichen Tötens bzw. Strafens nicht mehr sehen konnte, da das Beil zu schnell fiel, wurde die Erwartungshaltung der Menge in diesem Bezug jedoch zunächst enttäuscht. Auch fehlten rituelle Handlungen der früheren Hinrichtungspraktik, die vor allem religiöse Elemente wie das öffentliche Schuldbekenntnis und die kollektive Fürbitte für das Opfer durch das gemeinschaftliche Singen eines Salve Regina bei der Vollstreckung betrafen (ebd., S.205). Daher rief die erste Hinrichtung mittels der Guillotine am 25. April 1792 nahezu Empörung hervor, da sie die Todesstrafe scheinbar als unspektakulären, säkularen Akt banalisierte. Das Schafott und die Maschine wurden nach der Vollstreckung außerdem wieder abgebaut, sodass zunächst auch die Alltäglichkeit keine Rolle spielte (Arasse, 2010, S.47-50). Mit der Radikalisierung der Revolution in Paris und dem endgültigen Stimmungsumschwung gegen eine konstitutionelle Monarchie und die königliche Familie, die sich im Sturm auf deren Wohnsitz, den Tuilerien, im August 1792 manifestierte, wurde die Guillotine zum ersten Mal politisch gegen Konterrevolutionäre eingesetzt. Interessant ist dabei, dass die Präsenz der Guillotine nun als permanente Notwendigkeit dekretiert und diese nicht mehr abgebaut wurde. Jedoch war ihr offizieller Standort nun die Place du Carrousel gegenüber den Tuilerien. Delarue geht dabei außerdem davon aus, dass reguläre Hinrichtungen ohne politischen Charakter weiterhin auf dem Grève Platz stattfanden. Das heißt, es müssten insgesamt auch zwei Maschinen in Paris operiert haben, was jedoch nirgendwo eindeutig hervorgeht (Delarue, 1979, Kap.8; Lachenicht, 2016, S.71-72). Die politischen Hinrichtungen wurden von einem Sondergericht verhängt, fanden häufiger statt und zogen signifikant mehr Menschen an. Laut Arasse und Delarue liegt hier der Beginn einer sogenannten theatralischen und öffentlichkeitswirksamen Inszenierung der Guillotine bis zum Ende der Terreur, wobei nicht genau beschrieben wird, was diese ersten Inszenierungen denn überhaupt ausmachte (Arasse, 2010, S.50; Delarue, 1979, Kap.8). Im Hinblick auf die spätere Gewaltpraktik ist jedoch vor allem ausschlaggebend, dass es schon einige politische Hinrichtungen vor dem Beginn der Terreur gab und diese anscheinend eine besondere Kommunikation mit der revolutionären Menge ermöglichten bzw. wiederherstellten.

Die einzelnen politischen Hinrichtungen nahmen mit der gesonderten gerichtlichen Behandlung der Fälle ebenfalls ein Element vorweg, das mit der Terreur ab März 1793 schließlich vollständig in der gerichtlichen Praktik verankert wurde und das neue Strafgesetzbuch und den regulären Strafvollzug überstieg. Konfrontiert mit der wachsenden Instabilität der frisch ausgerufenen Republik und dem Erstarken der Gegenrevolution erließ der Nationalkonvent bereits im Dezember 1792 ein neues Gesetzt, dass es bei Todesstrafe verbot, der Monarchie anzuhängen. Mit dem Ausbrechen des Bürgerkriegs in der Vendée sowie signifikanten Niederlagen der Revolutionsarmee gegen die europäischen, monarchischen Mächte gründete der Konvent schließlich am 10. März 1793 das Revolutionstribunal in Paris, das als Sondergericht konterrevolutionäre Vergehen schnell aburteilen sollte. Daraufhin wurden in ganz Frankreich Revolutions- und sog. Wachsamkeitskomitees ins Leben gerufen, die politische Gegner namentlich erfassen bzw. denunzieren, überwachen, verhaften und ggf. hinrichten konnten (Lachenicht, 2016, S.81-85). Viele der Gefangenen wurden zur Verurteilung auch zum Pariser Revolutionstribunal gebracht. So waren etwa 65 Prozent der in Paris Guillotinierten aus der Provinz (Greer, 1966, S.38). Weitere neue Gesetzgebung konzentrierte sich zunächst gegen bestimmte, als konterrevolutionär definierte Gruppen wie Geistliche, emigrierende Adlige und Royalisten, bis schließlich das Gesetz gegen die Verdächtigen vom 17. September 1793 an ermöglichte, jeden denkbaren konterrevolutionären Ausdruck mit dem Tod zu bestrafen. In den letzten zwei Monaten, auch Grande Terreur genannt, konzentrierte sich die terroristische Gerichtsbarkeit vollends im Revolutionstribunal von Paris, während in der Provinz die Terreur vielerorts schon im Mai 1794 endete. Durch die sogenannten Prairial-Gesetze vom 10. Juni 1794 wurde die gerichtliche Verteidigung der Verdächtigen in Paris abgeschafft, Gruppenverurteilungen ermöglicht und andere Formen der Verurteilung wie z. B. Geld- oder Gefängnisstrafen gegenüber der Todesstrafe fallengelassen, woraufhin deutlich mehr Todesurteile vom Gericht ausgesprochen wurden (Greer, 1966; Reichardt, 2019).

Die erweiterte gesetzliche Grundlage zur Verhängung der Todesstrafe sowie das sukzessive Herausbilden des Sondergerichtsapparates, zu dessen Infrastruktur letzthin ein landesweites Netz an Gerichten, Komitees, Gefängnissen, professionellem Personal sowie unbedarften Denunzierenden gehörte, begünstigte schließlich die Entwicklung von einzelnen politischen Hinrichtungen zu ihrem massenhaften Auftreten und Durchführen. Der endgültige Schritt von der Hinrichtungs- zur Gewaltpraktik vollzog sich also in der Erweiterung des juristischen Rahmens, wobei der Übergang vom einen ins andere nicht klar zu fassen ist. Auch die einzelnen politische Hinrichtungen vor der Terreur können bereits als kollektive Gewalt bezeichnet werden. Die Guillotine wie die Terreurwaren also ko-existent mit dem institutionalisierten Gerichtswesen (Hénaff & Scher, 1998, S.8), das als praktische Infrastruktur ebenso zur Verfügung stand wie technisches Know-How der Henker und eine städtische Umgebung, die eine gesellschaftliche Akzeptanz sichtbarer, institutionalisierter Gewalt als alltäglichem Bestandteil der lebensweltlichen Erfahrung begünstigte. Aus der praxeologischen Perspektive ermöglichten diese Elemente die kontrollierte Nutzung der Guillotine im Kontext kollektiver Gewaltausübung und die juristische Legitimierung dieser Nutzung vor der Bevölkerung bzw. sogar ihre Teilnahme an der öffentlichen Gewaltpraktik selbst. Man kann hier also von einer institutionalisierten kollektiven Gewaltpraktik sprechen. Auch die Verbreitung der Gewaltpraktik außerhalb von Paris gehört im Grunde zu dieser Institutionalisierung, was hier allerdings nicht näher behandelt wird.

Beschreibung der Gewaltpraktik

Die Beschreibung und Analyse der Gewaltpraktik orientiert sich grob an dem oben genannten Minimalschema einer Hinrichtung durch das Fallbeil – das heißt also an den Schritten Verurteilen, Platzieren und Hinrichten, wobei Platzieren jedoch verstanden wird als das Verbringen der Verurteilten vor das Schafott und noch nicht die Maschine selbst. Durch die zu beobachtende Regelmäßigkeit und hohe Frequenz der praktischen Durchführung kann für die Gewaltpraktik auch noch ein vierter Ablaufschritt, das tägliche Wiederholbarmachen, hinzugezählt werden. Die Quellengrundlage besteht aus den anti-revolutionären Zeugenberichten des Baron de Frénilly und des Abt Carrichon, welche die Beschreibung der Vorgänge in Paris u. a. dazu nutzten, ihre Abneigung gegen die republikanische Regierungs- und Staatsform auszudrücken. Auf der pro-revolutionären Seite liegt ebenfalls Material vor, das jedoch weniger auf die Gewalt und die Hinrichtungen per se fokussiert ist, sondern viel mehr auf die Darstellung der Straftaten der Verurteilten und die Legitimation und Glorifizierung der Guillotine als Racheschwert bzw. verlängerter Arm der revolutionären Gerechtigkeit und des Staates abzielt. Hier sind vor allem Zeitungen und der Glaive vengeurzu nennen. Da sich detailliertere Beschreibungen außerdem vor allem auf prominente Verurteilte konzentrieren und die einzelnen Quellen die Gewaltpraktik, so wie sie hier verstanden wird, nie in ihrer Gesamtheit einfangen, sollen auch einige administrative Dokumente hinzugezogen werden, um Lücken zu füllen. Auch helfen die administrativen Quellen die normative Ebene der Praktik zu betrachten und die Verzerrung innerhalb der Berichte, die über Hinrichtungen außergewöhnlicher Persönlichkeiten als außergewöhnlichen Events handeln, in die Richtung der gewöhnlichen und gewünschten Abläufe auszugleichen. Insgesamt gibt es tatsächlich wenige Quellen über die Hinrichtungen selbst. Das Quellenmaterial ist also nicht dicht genug, um durch eine serielle Auswertung ein Grundgerüst der äußeren Form der Gewaltpraktik zu erschließen. Die einzige Quelle über das Geschehen auf dem Schafott selbst liegt zu dem in der Zeit der sogenannten großen Wagenladungen (grandes fournées) der Grande Terreur, die in Folge des Inkrafttretens der Prairial-Gesetze im Juni und Juli 1794 in Paris stattfanden. Auch wenn die Praktik in den wesentlichen Zügen wahrscheinlich auch in der Grande Terreur stabil blieb, ist es doch im Hinblick auf die Zahl der Exekutionen denkbar, dass es gewisse Anpassungen – z. B. bzgl. der Polizei- und Militärpräsenz, den bürokratischen Abläufen, der Anzahl an benötigten materiellen Artefakten, der praktischen Handhabung der Verurteilten und später der Leichenberge auf bzw. neben dem Schafott u. Ä. – gegeben hat. In Paris wurden insgesamt etwa 2639 Todesurteile vollstreckt, wovon 1515, also 57 Prozent, allein in den letzten zwei Monaten der Grande Terreur ausgesprochen und vollstreckt wurden. Dabei erreichte Sanson teilweise makabre Tageshochs von über 50 Enthauptungen in Serie (Greer, 1966, S.119; Fleischmann, 1908, S.165). Diese Anpassungen können aufgrund der mangelnden Quellen aber nicht gut als solche dargestellt werden. Im Folgenden wird also eher versucht die Kernelemente der einzelnen Schritte zu fassen und zu zeigen, wie sie miteinander verknüpft waren, anstatt die Entwicklung der Praktik über die Zeit oder auch ihre möglichen variablen Ausführungen vom normalen zum großen Terror genauer zu betrachten. Anhand der einzelnen Quellentexte können Beispiele der konkreten Ausführung gegeben werden und es wird dabei angenommen, dass sich diese Ausführungen auch während der Grande Terreurinnerhalb der allgemeinen Form der Praktik bewegten und daher auch auf diese schließen lassen. Dafür spricht auch, dass sich die durchschnittliche Zahl der Exekutionen pro Tag bereits in den Monaten vor der Grande Terreursukzessive steigerte und die Praktik also flexibel genug war, diese Frequenzsteigerungen problemlos aufzufangen. 

Verurteilen

Während der Terreur hatte das Revolutionstribunal seinen festen Sitz im Palais de la Cité (heute Justizpalast auf der Île de la Cité) im sogenannten großen Saal (grande chambre), der also eine Menge Zuschauer fassen konnte, denn alle Anhörungen und Urteilsverkündungen waren öffentlich (Anonymus, 1794, S.69). Diese Öffentlichkeit der Verurteilungen kann als wesentliches Merkmal der terroristischen Gewaltpraktik angesehen werden. Mit dem Ende der Terreur und dem Sturz Robespierres am 27. Juli 1794 (nach dem Revolutionskalender 9 Thermidor) änderte sich dies: Robespierre und seine engsten Anhänger wurden zwar am nächsten Tag (10 Thermidor) öffentlich mit der Guillotine hingerichtet, bekamen allerdings keine öffentliche Gerichtsverhandlung mit offizieller Urteilsverkündung (Lachenicht, 2016, S.89). Dieses öffentliche Element soll hier also neben der Organisation des Tribunals und der Übergabe der Verurteilten von den juristischen Autoritäten an die Vertreter der exekutiven Gewalt, Henker und Gendarmen, näher betrachtet werden.

Das Revolutionstribunal hatte nicht nur einen festen Sitz, sondern auch einen festgelegten Stamm an Personal, das vom Nationalkonvent berufen war und relativ stabil in der Zusammensetzung blieb. Der öffentliche Ankläger, der im Namen der Republik die Gefangenen vor das Gericht orderte, war z. B. über die gesamte Zeit der Terreur Antoine Fouquier-Tinville. Das Tribunal bestand zunächst neben Fouquier-Tinville noch aus fünf Richtern, von denen drei dem Todesurteil zustimmen mussten, zwölf Geschworenen und zwei Assistenten sowie weiteren Gerichtsdienern (Greer, 1966, S.20). Die einzelnen Anhörungen dauerten zu Beginn in Teilen mehr als drei Tage (Anonymus 1794, S.73), was mit den steigenden Inhaftierungen von angeblichen Volksverrätern jedoch problematisch wurde. Mit dem Gesetz gegen die Verdächtigen im September 1793 reduzierte man die Tage der Anhörungen auf maximal drei und vergrößerte das Gericht um drei weitere Kammern mit eigenen Richtern und Geschworenen, die gleichzeitig operieren konnten (Greer 1966, S.20). Die Anhörungen begannen morgens, konnten bis spät in den Abend hinein gehen und variierten stark in ihrer Länge bis zur letztlichen Urteilsfindung (Lenôtre 1893, S.160). Spätestens mit dem Beginn der Grande Terreur und der Prairial-Gesetzgebung, die die Verteidigung der Angeklagten abschaffte, sowie Gruppenverurteilungen von mehreren Dutzend Personen auf einmal ermöglichte, verkürzte sich die gerichtliche Prozedur auf maximal einen Tag. Dies war letztendlich durch die eingespielten Abläufe in der gerichtlichen Arbeit und das angesammelte Know How der juristischen Autoritäten möglich. Auch im Verhalten der Verurteilten lässt sich in dieser Hinsicht eine subtile Verhaltensänderung festhalten. Waren zu Beginn der Terreur Proteste nach der Urteilsverkündung noch präsent, scheinen sie mit der Zeit weniger zu werden. Der pro-revolutionäre Glaive vengeurberichtet z. B. von einer Frau, die nach der Urteilsverkündung am 4. Mai 1793 angab, schwanger zu sein und somit die Hinrichtung etwa sechs Monate verzögern konnte oder aber am 16. Juli 1793 von Kniefällen der Verurteilten und flehentlichem Adressieren der Zuschauer, um das Urteil zu revidieren, was die Anhörung zunächst ins Stocken kommen ließ (Anonymus 1794, S.76 u. S.97-98). Später wird von solchen Versuchen, den Ablauf zu stören bzw. das Urteil revidieren zu lassen nicht mehr berichtet. Allerdings endet die Beschreibung der Prozesse im Glaive vengeurauch bereits Anfang Februar 1794. Es ist jedoch denkbar, dass mit der zunehmenden Routinisierung und dem wachsenden Druck, Massen an Verdächtigen innerhalb des juristischen Apparats bewältigen zu müssen, die Gerichtspraxis wesentlich selbstsicherer, schneller und daher unflexibler wurde. In der Perspektive der Verurteilten bedeutete diese Rigorosität, dass Versuche ein alternatives Ausgehen der Verhandlungen zu erreichen, zunehmend weniger Chancen auf Erfolg hatten und daher ggf. nicht mehr unternommen wurden.

Abbildung 3: Die Verurteilung der Girondisten im Revolutionstribunal, 1793, Quelle: Gallica.bnf.fr Bibliothèque Nationale de France. 

Die Öffentlichkeit der Prozesse wurde im Gerichtssaal selbst einerseits generiert und limitiert durch die Größe des Raums per se. Auf zeitgenössischen Abbildungen des Tribunals fällt jedoch noch ein weiteres Element ins Auge, das diese Öffentlichkeit vor Ort bestimmte und auf ein durch den Raum geregeltes Zusammenspiel zwischen den Autoritäten des Gerichts und dem anwesenden Publikum schließen lässt. Hierfür können zwei Gravuren von 1793, die die Girondisten Prozesse darstellen, hinzugezogen werden. Dabei fällt auf, dass beide eine klare räumliche Trennung zwischen Publikum und Autoritäten, welche in direkter Weiser mit den Angeklagten zu tun hatten, wiedergeben. Die Angeklagten sitzen oder stehen immer erhöht und somit gut sichtbar auf einer mehrstufigen Anklagebank, während die fünf Richter, an den Federhüten zu erkennen, hinter einer Art Tisch oder Pult sitzen, um den herum außerdem eine etwa hüfthohe bauliche Struktur gezogen ist. Hier ist angedeutet, dass für das Verlesen der Urteile, ein Richter aufsteht, hinter dem Tisch hervortritt und sich innerhalb der umlaufenden Struktur etwas neben dem Tisch platziert. Auf einem einzelnen etwas erhöhten Stuhl neben der Anklagebank, aber deutlich von ihr separiert, sitzt der Präsident des Gerichts, neben dem in einer Gravur auch mehrere Nationalgardisten zu sehen sind (Fig. 3 links). Das Publikum dagegen befindet sich auf der anderen Seite des Raumes, scheint eventuell sogar eine Stufe tiefer zu stehen bzw. ist in jedem Fall in beiden Abbildungen eine Balustrade zu sehen, hinter der sich der Großteil des Publikums befindet. In einem der beiden Bilder schließt die Balustrade die Seitenwände einer Art Sitzbank ein (Fig. 3 links). Diejenigen Zuschauer, die vor der Balustrade stehen bzw. in der Sitzbank sitzen, ragen nicht weit in den Gerichtsraum der Autoritäten hinein, sondern halten Abstand, sodass zwischen Publikum und den eigentlichen gerichtlichen Handlungen seitens der Autoritäten gegenüber den Angeklagten ein freier Raum liegt. Auch ist auffällig, dass das Publikum als einheitlicher Block und nicht als individuelle, etwa im Raum verteilte Zuschauergruppen gezeigt wird. Somit kann das Publikum am besten die Angeklagten fixieren, die ihm gegenüberstehen und seine Perspektive nur unwesentlich verändern (Fig. 3). Bildliche Darstellungen zeigen natürlich nicht die historische Wirklichkeit, sondern sind meist sogar recht ungenau, da die Zeichner häufig nur nach mündlichen Beschreibungen abbildeten und die Szenen nie selbst sahen. Das heißt, es kann sein, dass die Gravuren lediglich die vorgestellte bzw. erwünschte Raumaufteilung zwischen den Anwesenden zeigen. In einer wahrscheinlich etwas nach der Revolution entstandenen Zeichnung sitzt das Publikum bspw. dem Richter und nicht der Anklagebank gegenüber und es werden mehrere horizontal ausgerichtete Bänke gezeigt, auf denen das Publikum eher in einer losen Formation sitzt (Fig. 4). Achtet man aber auf die Gemeinsamkeiten fällt auf, dass weiterhin eine sehr strikte räumliche Trennung zwischen Autoritäten und Publikum abgebildet ist, sodass hier davon ausgegangen wird, dass dieses Prinzip auch bereits in der Terreur handlungsstrukturierend wirkte.

Abbildung 4: Die Verurteilung Fouquier-Tinvilles, undatiert, Quelle: Gallica.bnf.fr Bibliothèque Nationale de France.  

Neben dieser Öffentlichkeit im Sinne der physischen Präsenz eines Publikums im Gerichtssaal gab es noch eine Öffentlichkeit im weiteren Sinne, die durch schriftliche Darstellungen der Prozesse erreicht wurde. Hierzu gehört der bereits erwähnte Glaive vengeur (Anonymus, 1794), der in knapper Manier die einzelnen Verurteilten und ihre Vergehen beschreibt und Paragraphen dann meist mit ‚ist zum Tode verurteilt und exekutiert worden‘ (‚a été condamné à mort et exécuté‘) schließt. Auch weitere Zeitungen und Listen derart wurden privat herausgegeben. Es gab jedoch auch eine täglich erscheinende offizielle Zeitung, den Bulletin du Tribunal Révolutionnaire. Diese Zeitung gab Befragungen, Zeugenaussagen und Urteilsfindungen in Länge wieder, sodass man, diese lesend, meinen könnte, dabei gewesen zu sein. Außerdem wurde vom Tribunal nach jeder Verhandlung ebenfalls eine öffentliche Liste mit den Namen der zum Tode Verurteilten und der Uhrzeit der Vollstreckung ihrer Todesstrafe herausgegeben, die in Tageszeitungen abgedruckt und durch Volksschreier bekannt gemacht wurde (Lenôtre, 1893, S.163, 270; Delarue, 1979, Kap. 8). Auch hier scheint es eine deutliche Fokussierung des Lesepublikums und der weiteren Öffentlichkeit auf die angeblichen Verräter der Republik gegeben zu haben, ähnlich wie es die beiden Gravuren auch für den Gerichtssaal darstellen. Dagegen traten die Hinrichtungen mit ihrer offensichtlichen Gewalt im Angesicht ihrer öffentlich verhandelten Legitimität in den Hintergrund. Das Tribunal ermöglichte auf diese Weise die gesellschaftliche Konfrontation der politischen Lager der Revolutionäre und Konterrevolutionäre in einem konkreten öffentlichen Raum (Wahnich, 2016, S.107), wobei diese Konfrontation indirekt durch das juristische Personal verhandelt wurde. Der Glaive vengeur schreibt bspw., dass die Gerichte immer sehr voll seien und das revolutionäre Volk mit Ungeduld die Verurteilungen seiner Feinde erwarte, jedoch nie die Arbeitsabläufe des Gerichts durch Lärm o. Ä. störe. Begründet wird dies mit dem Vertrauen des Volkes in die Richter und dem allgemeinen Respekt gegenüber dem Gesetz (Anonymus, 1794, S.150). Die Betonung der Tugendhaftigkeit des Volks und seine Idealisierung ist ein häufig anzutreffender Topos in der pro-revolutionären Literatur, ergänzend kann dieses Verhalten der Zuschauer also praxeologisch mit der Raumorganisation des Gerichts und der Organisation von Information über die Prozesse in den öffentlichen Medien erklärt werden. Diese ließen lediglich eine betrachtende Rolle seitens der Öffentlichkeit zu bzw. ihre Anerkennung der vom Gericht geschaffenen Fakten, wer guillotiniert werden würde.

Die Anwesenheit der Nationalgarde im Gerichtssaal ist nach der Gravur aus 1793 (Fig. 3 links) zu vermuten, schriftliche Belege dafür fehlen jedoch. Mit der Verurteilung legte das Tribunal wie oben erwähnt bereits das Datum und die Uhrzeit der Exekution fest. Kam das Gericht morgens oder nachmittags zu einem Urteil, fand die Hinrichtung meist noch gegen Abend desselben Tages statt, während eine Verurteilung am Abend die Hinrichtung am nächsten Morgen bedeutete. Deshalb brachte man die Verurteilten (wahrscheinlich durch die Nationalgarde oder Gendarmerie) nach der Urteilsverkündung vom Gerichtssaal direkt in die Conciergerie, die unmittelbar an den Gebäudekomplex des Palais de la Cité anschloss und als Gefängnis diente. Auch hier ist die Anwesenheit von Wachen und Kontrollpersonal höchst wahrscheinlich (Lenôtre, 1893, S.154-158). Der Öffentlichkeit war das Gefängnis jedoch nicht mehr zugänglich. Der Henker Sanson wurde von Fouquier-Tinville mittels einer Exekutionsorder benachrichtigt, die den Zeitpunkt und den Ort der Exekution, die Namen und die Anzahl der Hinzurichtenden, manchmal auch die Anzahl der Karren, mit denen diese zur Guillotine gefahren werden sollten, genau festlegten. Diese Befehle waren als Vordrucke angelegt, sodass nur die variablen Informationen wie Namen und Datum handschriftlich eingetragen werden mussten (Fleischmann, 1908, S.117, 174, 183). Dies ermöglichte eine nahtlose und routinierte Übergabe vom juristischen an das exekutive Personal, was letzthin als eine Grundbedingung der Gewaltpraktik im Hinblick auf ihre Geschwindigkeit und ihren reibungslosen Ablauf angesehen werden kann, da die Verhandlungen in ihrer Länge und der Zahl der Verurteilten variierten und die Übergabe nur durch eine etablierte Kommunikation täglich neu angepasst werden und erfolgreich stattfinden konnte. Durch die präzise Festlegung der Eckpunkte der Ausführung (wo, wann, wer) und der schriftlichen Form der Anweisungen wurde ebenso Missverständnissen zwischen den verschiedenen Zuständigkeiten vorgebeugt und Kooperation gefördert. Die Namen der Verurteilten machten ggf. eine Zusammenarbeit zwischen Gefängnispersonal und Henker leichter, die die Verurteilten wahrscheinlich nicht im Gerichtssaal gesehen hatten und nicht direkt erkennen konnten. Auch konnten die Henker durch das Einbestellen zu einer bestimmten Uhrzeit besser vorausschauend arbeiten, um nötige Vorkehrungen zu treffen. So schnitten sie den Verurteilten wohl bereits in der Conciergerie die Haare, damit diese den Nacken freigaben, und sorgten für „angemessene“ Bekleidung im Sinne einer Entkleidung von Statussymbolen bis aufs Hemd (Chuquet, 1909, S.180). Auch besaß Sanson nur zwei Karren und musste bei einer großen Anzahl an Verurteilten Ersatzkarren besorgen, weshalb wohl auch diese Information auf den Exekutionsordern zu finden war (Arasse, 2010, S.280; Lenôtre, 1893, S.157-158, 182). Völlig konfliktfrei verlief die Ausführung zwischen den verschiedenen Autoritäten jedoch nicht. Der Kapitän der Gendarmerie beschwerte sich z. B. beim Tribunal, dass der Henkersgehilfe Demaret einen Verurteilten zwar gefesselt jedoch ohne weitere Aufsicht durch die Gendarmerie oder eines Gerichtsvollziehers für eine halbe Stunde vor dem Transport zur Guillotine allein ließ (Fleischmann, 1908, S.67-68).

Platzieren

Das Zusammenspiel zwischen Gericht, Gefängnis und den Henkern bedeutete also, dass die Hinrichtungen nur kurze Zeit nach der Verurteilung – spätestens am nächsten Tag, meist jedoch noch am selben Tag – stattfinden konnten. Hierfür mussten die Verurteilten von der Conciergerie zum Standort der Guillotine gebracht werden, was ähnlich der Verurteilung und der Hinrichtung in der Anwesenheit einer Öffentlichkeit passierte. Die Verurteilten bestiegen im Hof der Conciergerie bereitgestellte Karren, auf denen sie durch die Stadt bis unters Schafott gefahren wurden. Der Konflikt zwischen Gendarmen und Henkersgehilfen zeigt ebenfalls, dass es vom Gefängnis zum Zug durch die Stadt auch eine Kontinuität durch die an beiden Orten anwesenden Henker und Gendarmen gab. Der Zug erlaubte jedoch mehr Kommunikation zwischen den zwei oben genannten gesellschaftlichen Lagern. Da die Guillotine während der Terreur außerdem mehrfach den Standort wechselte, soll neben dem kommunikativen Element, das wesentlich durch die Karren bestimmt war, auch diese Wanderung der Guillotine als variierender Umstand innerhalb des Schrittes Platzieren erläutert werden. Fig. 5 gibt zu den Standorten einen Überblick innerhalb eines zeitgenössischen Stadtplans von Paris.

Abbildung 5: Stadtplan von Paris, 1789, Quelle: Wikipedia Commons 

Während der Startpunkt des öffentlichen Zuges der Verurteilten zum Schafott also immer die Conciergerie blieb, gab es während der Terreur insgesamt vier verschiedene Standorte der Guillotine. Bis zum 10. Mai 1793 stand sie auf der Place du Caroussel, also etwa noch zwei Monate nach Beginn der Terreur, wurde dann jedoch auf die Place de la Révolution (heute Place de la Concorde und vorher Place Louis XV) weiter an den westlichen Stadtrand verlegt, wo sie bis zum 9. Juni 1794 verblieb. Danach stand sie nur vier Tage auf der Place Saint Antoine (heute Place de la Bastille) und wurde dann an der Barrière du Trône-Renversé (heute Place de la Nation) aufgebaut, was also ungefähr mit dem Beginn der grandes fournées korrespondiert. Erst die Robespierristen wurden schließlich wieder mit dem Ende der Terreur am 10 Thermidor auf der Place de la Révolution hingerichtet (Lenôtre, 1893, S.248, 262,273-276). Zunächst fällt auf, dass sich die Place du Caroussel und die Place de la Révolution gegenüberliegen und zwischen ihnen nur die Gärten der Tuilerien liegen. Die Route des Zuges musste also vom 10. Mai an nur geringfügig verlängert werden. Durch eine Exekutionsorder und den Zeugenbericht des Abt Carrichon ist der ungefähre Verlauf grob rekonstruierbar. Von der Conciergerie aus verließ der Zug die Île de la Cité über die Pont au Change und folgte der Rue Saint-Honoré durch das Pariser Marktviertel an den Markthallen vorbei und bog irgendwann links (wahrscheinlich in die Rue Royale) zum Revolutionsplatz ab (Fleischmann, 1908, S.174; Lenôtre, 1893, S.170). Interessant ist, dass die Exekutionsorder von der „gewöhnlichen Route“ (Fleischmann, 1908, S.174) spricht, sodass man davon ausgehen kann, dass diese selbst wenig variierte. Die Wahl der Place de la Révolution als Hauptexekutionsplatz begründet man oft symbolisch mit der dortigen Exekution des ehemaligen Königs am 21. Januar 1793. Jedoch kann dieser Zusammenhang auch pragmatische Gründe haben, denn die Exekution von Louis XVI erforderte einen großen Überwachungsaufwand und die Präsenz von Gendarmerie und Nationalgarde in großer Zahl. Man wählte seinen Parcours und seinen Exekutionsort also nach Möglichkeit so, dass beide innerhalb der urbanen Strukturen leicht zu überwachen waren, was z. B. bei den relativ engen Straßenzügen um die Place du Carrousel schwierig war (Lenôtre, 1893, S.253; Arasse, 2010, S.171). Dieses Prinzip scheint sich mit der Rue Saint-Honoré als einer der großen Hauptverkehrsstraßen von Paris auch später in der Terreur fortgesetzt zu haben. Der urbane Raum schuf also die Voraussetzungen für den Parcours, was bedeutete, dass dieser recht festgelegt innerhalb von möglichst breiten und gut zu überwachenden Straßen verlief. Zwangsläufig generierte der Zug dadurch aber auch die größtmögliche Aufmerksamkeit im öffentlichen Raum, da er sich wenigstens zur Place de la Révolution direkt durch die kommerziell aktivsten Viertel von Paris bewegte. Die Route zur Barrière du Trône-Renversé wird vermutlich ähnlich festgelegt gewesen sein und durch breite viel frequentierte Straßen geführt haben, auch wenn der genaue Verlauf nicht bekannt ist. Die Platzierung an der Place Saint Antoine und der Barrière du Trône-Renversé zeigt außerdem, dass die aufgetretene Varianz innerhalb der Praktik mit einem gewissen Risiko einherging, soziale Unzufriedenheit auszulösen. Der Umzug an die Place Saint Antoine schlug z. B. innerhalb weniger Tage fehl, da sich die Anwohner über die Menge an vergossenem Blut beschwerten und es musste ein neuer Standort für die Guillotine gefunden werden. Diesen fand man schließlich mit der Barrière du Trône-Renversé außerhalb der östlichen Stadtmauer, aber vergleichbar näher an der Bastille gegenüber einem Rücktransport an die Place de la Révolution (Lenôtre, 1893, S.273). Eine Varianz in der Praktik bedeutete auch zusätzlichen Planungsaufwand im Sinne einer Neufestlegung des Exekutionsortes, dem Auf- und Abbau der Guillotine und des Schafotts und einer Neubestimmung der für den Hinrichtungszug zu nehmenden Straßen, sodass man kaum von häufigen Veränderungen im Rahmen der Gewaltpraktik sprechen kann.

Es gibt jedoch ein überliefertes Beispiel einer spontan aufgetretenen Varianz, die im großen Gegensatz zu dem gewöhnlich also in einem eher festgelegten Rahmen funktionierenden Zug durch die Stadt steht. Der erste Bürgermeister von Paris, Jean Sylvain Bailly, sollte wie vom Gericht verfügt eigentlich auf dem Marsfeld exekutiert werden. Auch hier nahm der Zug zunächst die übliche Route über die Rue Saint-Honoré zur Place de la Révolution und von dort schließlich weiter über die Pont de la Révolution (heute Pont de la Concorde) zum Marsfeld (Fleischmann, 1908, S.174). Dort angekommen manifestierte sich aber eine entschiedene öffentliche Opposition seitens der Zuschauenden gegen diesen Exekutionsort, da Baillys Blut das Marsfeld nicht verunreinigen sollte. Die bereits aufgebaute Guillotine musste abgebaut und am Ufer der Seine außerhalb des Feldes wiederaufgebaut werden, wo die Exekution schließlich stattfand (Anonymus, 1794, S.132-133; Bulletin du Tribunal Révolutionnaire Nr. 81, 1793, S.322-323). In beiden Quellen wird unterstrichen, dass Bailly beim Errichten der Guillotine zusehen und somit eine geraume Weile auf seinen Tod warten musste. Wie genau er vom Feld zum Seine-Ufer kam, ob auch in einer Art Zug oder ehe in ungeregelter Weise, bleibt dagegen unklar. Im Bulletin du Tribunal deutet sich aber ein gewisses Chaos an, da es heißt: „Jeder beeilte sich, die Guillotine zu demontieren (…).“ Laut Fleischmann protestierten Sanson und seine Hilfen an diesem Punkt, konnten aber wenig ausrichten (Fleischmann, 1908, S.176). Dies geht nicht aus den Quellen hervor. Es ist auch eher unwahrscheinlich, dass man das Hinrichtungsinstrument schadensfrei in einer unkontrollierten Massenaktion auf- und abbauen konnte und daher vielmehr möglich, dass die Henker zumindest eine koordinierende Rolle spielten. Interessant an diesem Beispiel ist aber, dass die Festlegung der Praktik seitens der Autoritäten durchaus mit genügend öffentlichem Nachdruck aufgebrochen werden konnte bzw. spricht das Beispiel erneut für die Risikobelastung einer Ortsvariation in Hinblick auf einen reibungslosen Ablauf der Gewaltpraktik. Das Marsfeld hätte auch nur einmalig für Bailly als Exekutionsplatz fungieren sollen und variierte also von der üblichen Place de la Révolution.

In Bezug auf das kommunikative Element während des Zuges der Verurteilten durch Paris ist zunächst die Dauer ausschlaggebend. Da der Zug in Schrittgeschwindigkeit durch die Straßen fuhr, dauerte er je nach Wetter und Tageszeit angeblich zwischen einer und eineinhalb Stunden, was gegenüber der minimalen Exekutionszeit auf dem Schafott und der eher indirekten Teilnahme im Gericht also die eigentliche Möglichkeit des Publikums war, mit den Verurteilten länger Kontakt zu haben (Arasse, 2010, S.151-153). Auf den Exekutionsplätzen konnte das Publikum im Gegensatz dazu wenig von den Verurteilten und den Vorgängen auf dem Schafott erkennen, da die Guillotine in Relation zur Größe der Plätze verhältnismäßig klein und von Nationalgardisten umstellt war, die die Sicht hinderten und auch von einem näheren Herankommen abhielten (Outram, 1989, S.115-118). Die festgelegte Route des Zuges machte es dagegen möglich an günstigere Stellen vorzulaufen, wie es z. B. der Abbé Carrichon versuchte (Lenôtre, 1893, S.170) oder aber innerhalb der Straßenzüge von oben aus dem Fenster zu schauen (Chuquet, 1909, S.180). Auch der Aufbau des Zuges an sich war kaum zu übersehen. Nach einer Beschreibung des Baron de Frénilly, der die letzte Fahrt der Dantonisten beobachtete, fuhren die Verurteilten den gesamten Weg mit auf den Rücken gebundenen Händen in offenen, rot angestrichenen Karren, die von jeweils zwei Pferden gezogen und von fünf bis sechs Gendarmen begleitet wurden. In jedem Karren fuhren ebenfalls etwa fünf bis sechs Verurteilte (ebd., S.180). Der Abt Carrichon gibt Vergleichbares für einen etwas unspektakuläreren Hinrichtungszug als den der Dantonisten an. Er beschreibt, dass sich etwa acht Personen einen offenen Karren teilten und der Zug von Bewaffneten zu Pferd und zu Fuß eskortiert wurde (Lenôtre, 1893, S.169-171). Die Karren können während des Hinrichtungszuges also als Artefakte beschrieben werden, denn sie erhöhten die Sichtbarkeit der Verurteilten und lenkten die Blicke dank der roten Farbe nochmals mehr auf diese, ebenso orientierten sich die Bewaffneten an diesen und nicht etwa an einzelnen Verurteilten. Sie schränkten außerdem die Bewegungsfreiheit der Verurteilten signifikant ein, wenn man bedenkt, dass sich mehrere Personen den Platz im Karren teilten, der in seiner Größe innerhalb des urbanen Raums aber noch manövrierbar bleiben mussten. Folgt man Lenôtre waren die Verurteilten sogar an die Seitenwände der Karren angebunden (ebd., S.270). Der Karren spielte innerhalb des Zuges zum Schafott also eine tragende Rolle, in dem er den Verurteilten Zentralität zuwies und sie immer im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit hielt, der sich gleichzeitig mit den Karren und ihrer Bewegung innerhalb des urbanen Raums hin zum Schafott verschob. Er bot den Verurteilten also eine Art (ungewollte) Bühne vor einem Publikum, gleichzeitig reduzierte er aber die Möglichkeiten diese Bühne zu nutzen vor allem auf die Stimme. So sind zahlreiche sogenannte Guillotinen-Lieder überliefert, kurze Verse, die sich die Verurteilten auf der Fahrt zum Schafott oder schon vorher ausdachten und zu der Melodie populärer Lieder an die Zuschauer gerichtet sangen. Ein berühmtes Beispiel dafür ist wiederum Danton, aber auch Polizeiberichte geben Ähnliches über singende und sogar tanzende Verurteilte an (Delarue, 1979, S.252; Arasse, 2010, S.165-166). Daher bezieht man sich in der Literatur oft auf die Inszenierung oder sogar Theatralisierung der Hinrichtungen mit der Guillotine (Arasse, 2010; Delarue, 1979; Gordon, 2003). Auf den Karren bekamen die Verurteilten also eine Möglichkeit ihrer (politischen) Haltung Ausdruck zu verleihen, in dem sie durch Singen und Tanzen, die Revolution ins Lächerliche zogen oder lautstark „es lebe der König“ riefen (Gordon 2003, S.253; Anonymus 1794, S.125). Dagegen brachte die zuschauende Menge den Verurteilten teilweise Geschrei und Verachtung entgegen und rief „es lebe die Republik“ (Anonymus, 1794, S.116-117, 139, 149) oder aber die Zuschauer waren bewegt von den Szenen in den Karren, wie es z. B. für den Fall der älteren Madame Roland überliefert ist, die einen jungen Verurteilten in ihrem Karren über sein Schicksal hinwegtröstete (ebd., 1794, S.131). Oft kommentierten die Zuschauer auch wie die Verurteilten ihr Los trugen, so beobachtete der Abt Carrichon, dass die Menge positiv überrascht auf den Ausdruck von Furchtlosigkeit einer jungen Frau reagierte (Lenôtre, 1893, S.170). Die Kommunikation lief also ohne eine vermittelnde Instanz, wie es im Gerichtssaal der Fall war, direkt zwischen der anwesenden Menge und den Verurteilten ab und wurde durch die Karren gleichermaßen gestiftet wie auch eingeschränkt. Denn ihre ständige Bewegung wird kaum ein längeres Gespräch erlaubt haben. Neben dieser Kommunikation der gesellschaftlichen Lager scheinen die den Zug begleitenden Gendarmen und Henker in den Hintergrund zu treten und den Zug nur subtil zu leiten, wobei man sich hier auch vorstellen kann, dass dieser den Weg durch die ihn säumenden Menschenmengen fast automatisch zum Fuß des Schafotts fand.

Hinrichten

Nach dem Erreichen des Schafotts waren die einzelnen Hinrichtungen dann sehr schnell vollzogen. Der Abt Carrichon berichtet, dass in 20 Minuten etwa vierzig Leute von den Karren heruntergelassen wurden, die Henker sich vorbereiteten und 12 Hinrichtungen stattfanden (Lenôtre 1893, S.176). Die 21 Girondisten, die ersten Hingerichteten aus dem Parlament, wurden in 38 Minuten hingerichtet und ein weiterer Polizeibericht gibt sogar an, dass 12 Verurteilte in nur 13 Minuten ihren Kopf verloren (Delarue, 1979, Kap.9). Die einzelnen Exekutionen dauerten also nicht länger als etwa zwei Minuten und geben der Hinrichtung einen fast industriellen Charakter, insbesondere zu den Zeiten der grandes fournées (Arasse, 2010, S.176). Dies erforderte eine rigorose Organisation auf dem Schafott und in der Bedienung der Guillotine. Außerdem spielte das Zeigen des Kopfes eine tragende Rolle.

Der Übergang zwischen dem Ende des Zuges und dem Beginn der Hinrichtung erfolgte fließend und wurde insbesondere durch die Henker gesteuert. Beim Erreichen des Exekutionsplatzes umringten die zuvor die Karren begleitenden Gendarmen zunächst das Schafott. Dies beschreibt der Abt Carrichon, aber auch zahlreiche Abbildungen der Zeit zeigen, dass eine Reihe an Nationalgardisten oder Gendarmen, die Guillotine zu allen Seiten einschloss (Lenôtre, 1893, S.171; Outram, 1989, S.115-118). Die folgenden Ausführungen beruhen dagegen allein auf der Quelle Carrichons. Innerhalb dieses Kreises wurden die Karren angehalten und die Verurteilten der Reihe nach heruntergelassen bzw. ihnen wurde von den Henkern wegen der auf den Rücken gebundenen Hände sogar heruntergeholfen. Dann wurden sie von diesen in „mehreren Reihen“ (Lenôtre, 1893, S.173) mit dem Rücken zum Schafott aufgestellt. Hier ist nicht klar, ob damit eine Art lange Schlange entlang aller Seiten des Schafotts gemeint ist oder ob die Gefangenen auf derselben Seite in unterschiedlichen Reihen standen. Dieser Reihung entsprach aber offenbar auch die Abfolge der Exekution. So war die an der Treppe zum Schafott platzierte Person anscheinend die erste, die hingerichtet wurde, die Person daneben die zweite usw. Unter dem Schafott waren evtl. primitive Sitzgelegenheiten eingerichtet. Carrichon erwähnt z. B. einen Holzblock. In Hinblick auf die Kürze der Hinrichtungen ist dies jedoch verwunderlich, da sich die Verurteilten in jedem Fall nicht sehr lange setzen konnten (Lenôtre, 1893, S.172-173). Auch von den Abschiedsszenen der Verurteilten voneinander ist hauptsächlich überliefert, dass sie noch auf den Karren, nicht aber unter dem Schafott stattgefunden haben (Lenôtre, 1893, S. 173; Anonymus, 1794, S.165), sodass man hier vielleicht eher davon ausgehen kann, dass während der Hinrichtungen möglichst keine Gegenstände oder Ähnliches dazu einladen sollten, die Prozedur zu verlängern. Der erwähnte Holzblock könnte ggf. auch Teil der Baustruktur gewesen sein. Nach dem Aufstellen der Personen betrat zunächst der Henker allein mit seinen Gehilfen das Schafott. Sie zogen rote Überwürfe über ihre Kleidung, um diese vor Blutflecken zu schützen. Dann stellte sich der Henker links der Bascule und die zwei Gehilfen rechts davon auf und ließen die erste Person einzeln das Schafott besteigen bzw. halfen ihr auch hier hinauf. Die Hinzurichtenden bestiegen offenbar ohne weitere Drohung oder Anwendung physischer Gewalt das Schafott. Vielleicht da die Situation der Einkesselung von Bewaffneten, das In-der-Reihe-Stehen und die Treppe nur zum Schafott und zur Guillotine herauf überhaupt Bewegungsspielraum ließen. Auf dem Schafott packte der Henker die linke Seite, ein Gehilfe die rechte und der zweite die Beine und die Person wurde bäuchlings auf die Bascule gelegt. Das nächste, was Carrichon erwähnt, ist bereits wie der abgetrennte Kopf und der Rumpf in die dafür bereitstehenden Kisten bzw. Körbe geworfen werden, um für die nächsten Platz zu machen. (Lenôtre, 1893, S.174). Es werden also einige zur Exekution nötige Handlungen nicht beschrieben. In Anbetracht des bereits erwähnten Aufbaus der Guillotine fällt zunächst auf, dass die Bascule überhaupt nicht gebraucht, sondern bereits vorher nach unten gebracht wurde. Delarue gibt an, dass während der Grande Terreur der Schritt des Festmachens der Verurteilten an der Bascule und das Kippen in die horizontale Lage übersprungen und sie vielmehr mit Muskelkraft auf das schon nach unten gekippte Brett gelegt und während der Hinrichtung festgehalten wurden. So ging es auch schneller, die kopflosen Körper aus dem Weg zu schaffen. Es ist aber wahrscheinlich, dass die Henker für Exekutionen vor der Grande Terreur diesen Schritt noch beibehielten. Nach Delarue gab es dazu immer noch einen vierten Mann auf dem Schafott, der sich am Kopfende der Guillotine platzierte und, nachdem die hinzurichtende Person bäuchlings lag, die Lunette nach unten brachte. Hier kann es vielleicht sein, dass Carrichon diesen nicht gesehen hat, da er auf der anderen Seite der Guillotine stand. Auch viele zeitgenössische Darstellungen der Hinrichtungen zeigen insgesamt vier Personen auf dem Schafott, wohingegen Carrichon nur drei erwähnt. Nach dem Herunterbringen der Lunette erst wurde vom Henker dann der Rammklotz mit der Schneide ausgelöst (Delarue 1979, Kap. 9). Eventuell war aber auch der Punkt mit der Lunette variabel. Dann musste der Körper aus dem Weg in bereitstehende Kisten oder in große Weidenkörbe geschafft, ggf. die Bascule und in jedem Fall die Schneide wieder nach oben gebracht werden. Auf der in die Provinz geschickten Anleitung (Fig. 2, Bildunterschrift) sind zwei kurze Sätze zur Bedienung des Instruments notiert, aus denen hervorgeht, dass insbesondere dem richtigen Hochbringen des Rammklotzes viel Aufmerksamkeit zukam, weil er entscheidend für das reibungslose Funktionieren war. Da das Strafgesetz also festhielt, dass die Vollstreckung der Todesstrafe prompt und ohne Folter ausgeführt werden sollte, um diese human zu machen, waren die Henker angehalten, so schnell wie möglich zu arbeiten und richteten ihre Handlungsabläufe danach aus. Jeder scheint eine festgelegte Rolle auf dem Schafott und an der Guillotine gespielt und durch ständige Wiederholung verinnerlicht zu haben.

Von den einzelnen Handgriffen auf dem Schafott konnte das Publikum auf dem Platz außer dem Zeigen des Kopfes kaum etwas sehen. Wie genau das Zeigen ablief ist unklar, jedoch war es festetablierter Bestandteil der Hinrichtung. Das öffentliche Zeigen eines durch Gewalt abgetrennten Kopfes ist eine symbolische Machtdemonstration über den nun völlig machtlosen ursprünglichen Besitzer und in diesem Sinne ist das Köpfezeigen per se schon für sich allein genommen in der Geschichte eine sehr alte Praktik (Janes, 1991, S.27-31). Die Revolutionäre knüpften wie selbstverständlich an diese an, nicht nur in Hinblick auf die Guillotine, sondern z. B. auch durch das Aufspießen abgetrennter Köpfe auf Piken. Die Köpfe können also nach dem eingetretenen Tod als Artefakte verstanden werden, die die Handlung des Zeigens bereits vorzeichneten. Zunächst scheinen die Köpfe direkt nach dem Guillotinieren aber in einen Ledersack gefallen zu sein. Vom Henker oder einem seiner Gehilfen wurde der zu zeigende Kopf dann herausgenommen und hochgehalten. Ob in diesem Sack auch die anderen bereits abgetrennten und demonstrierten Köpfe verstaut waren, ist unklar, jedoch scheinen sie immer einzeln nach jeder Exekution gezeigt worden zu sein. Dies passierte vielleicht noch während der Körper in die Körbe geworfen und die Guillotine wieder bereit gemacht wurde oder aber kurz darauf, um nicht länger als nötig Zeit zu brauchen. Auch wohin genau der Kopf gezeigt wurde, ist nicht beschrieben worden. Auf zeitgenössischen Abbildungen wird die Szene eigentlich immer auf der der Bascule gegenüberliegenden Seite gezeichnet, sodass dadurch eine Art vordere Seite der Guillotine bzw. des Schafotts entsteht. Geht man davon aus, dass also nur zu dieser Seite hin der Kopf gezeigt wurde, ist es auch denkbar, dass zu dieser Seite hin der Großteil des Publikums stand. Es gibt aber auch Zeichnungen, auf denen die Zuschauer ringsum stehen. Vielleicht zeigte der Henker den Kopf aber auch zu mehreren Seiten. Jedenfalls mussten die Henker dafür eine gewisse Bewegung ausführen ggf. sogar herumlaufen, denn vor der Terreur fiel einer der Henkerssöhne vom Schafott und starb an einem Genickbruch, während er einen Kopf zeigen wollte. Es heißt in der Quelle, er habe nicht darauf geachtet, wohin er seine Füße setzte, was zumindest andeutet, dass er sich auf dem Schafott für das Zeigen bewegte (Lenôtre, 1893, S.250). Einige meinen, dass nach jeder Exekution vom Publikum systematisch „Vive la République“ beim Zeigen des Kopfes gerufen wurde (Arasse, 2010, S.146-147). Im Glaive vengeur findet sich dafür das Beispiel der Exekution von Marie Antoinette (Anonymus, 1794, S.116-117). Outram dagegen argumentiert, dass Polizeiberichte und pro-revolutionäre Literatur Applaus, Jubel und Vive-la-République-Geschrei als Stilmittel automatisch in jeden Bericht einfließen ließen und eher davon auszugehen ist, dass die Menge viel passiver blieb (Outram, 1989, S.115). Bei Carrichon ist nicht von einem geschlossenen Verhalten der Menge die Rede, jedoch von Zoten, Jubel und Lärm im Sinne einer allgemeinen Unterhaltungsatmosphäre (Lenôtre, 1893, S.171). Das Zeigen des Kopfes versuchte aber eindeutig eine Beziehung zum Publikum bzw. dem revolutionären Volk aufzubauen, da die Henker sich mit dieser Geste deutlich an das Publikum wandten. Die Köpfe scheinen z.B. nicht den noch wartenden Verurteilten gezeigt worden zu sein. Auch die sonstigen Vorgänge auf dem Schafott, obwohl dieses bühnenartig erhöht stand, wandten sich nicht explizit an die Menge, da sie dafür viel zu schnell abliefen. Es ist also dahingehend zu erwarten, dass wenigstens das Köpfezeigen eine Reaktion bei den Zuschauern auslöste und diese obwohl hauptsächlich zuschauend nicht völlig passiv bei den Hinrichtungen waren. Der Kopf stellte schließlich auch eine Demonstration der politischen Macht der Revolution und der sie tragenden Masse also der anwesenden Menge dar.

Täglich Wiederholbarmachen

Um die Praktik jeden Tag erneut durchführen zu können, war zunächst wichtig, sie nochmals für legitim zu erklären, aber auch die Leichen auf eine schnelle und nicht aufwendige Weise entsorgen zu können, die Guillotine selbst zu pflegen bzw. funktionsfähig zu erhalten sowie allen auftretenden Problemen und Beschwerden möglichst entgegenzuwirken.

Nach dem Ende der Hinrichtung und vor dem Abtransport der Leichen stellte ein Gerichtsvollzieher des Revolutionstribunals den Geköpften zunächst eine Sterbeurkunde aus. Diese Sterbeurkunden waren wiederum als Vordrucke angelegt, von denen Fleischmann den standardisierten Wortlaut aus dem Jahr 1793 abgedruckt hat (Fleischmann, 1908, S.286-287). Wie bei den Exekutionsanweisungen mussten also nur wenige variable Informationen wie Name des Opfers, Datum und Ort neu eingetragen werden. Interessant ist hier die aufgereihte Nennung aller Autoritäten, die durch die Verurteilung der jeweiligen Person zu ihrem offiziellen Tod beitrugen: das Revolutionstribunal sowie die Henker und Gendarmerie, schließlich die Feststellung, dass das Gerichtsurteil ordnungsgemäß in Präsenz einer Person vollstreckt wurde, die die Autorität des Tribunals stellvertretend repräsentierte. Der Vordruck legitimierte also nochmals den in drei Schritten vorhergegangenen Gewaltakt und machte ihn in diesem Sinne moralisch und praktisch erneut durchführbar und begründete seine Wiederholung.

Als Artefakte (neben den Vordrucken) fungierten für das Wiederholbarmachen die bereits erwähnten Karren, die nach der Ankunft auf dem Hinrichtungsplatz auf diesem stehen blieben und als ideales Transportmittel erneut befüllt werden konnten. Dazu wurden ebenso die mit den Leichen gefüllten Weidenkörbe bzw. Kisten verwendet. Ein Zeugenbericht der Exekution Ludwigs des XVI., der in Lenôtre (1893) voll publiziert ist, deutet an, dass diese ggf. nach dem Friedhof erneut bzw. mehrere Male gebraucht wurden. Problematisch ist hier jedoch die Außergewöhnlichkeit des Opfers: dem Henker fiel nach der Fahrt des Leichnams zum Friedhof, der leere Weidenkorb in der Stadt vom Karren, was Viele dafür nutzten, alle möglichen Stoffe und Gegenstände im Blut des Königs zu tränken (ebd., S.152). Es könnte also auch sein, dass der Korb nur in diesem speziellen Fall vom Henker zurückgebracht wurde, weil es eben der Korb des Königs und somit des wichtigsten symbolischen Hingerichteten der Revolution per se war. Aus arbeitsökonomischen und finanziellen Überlegungen heraus wäre aber zu vermuten, dass es einen gewissen Bestand an Körben gab, der ggf. rotiert und bei Verschleiß ausgebessert bzw. ersetzt werden konnte. Die Friedhöfe, die zur Leichenverbringung genutzt wurden, befanden sich meist in gut erreichbarer Nähe des Hinrichtungsplatzes und variierten also mit dem Standort der Guillotine. So wurden die Hingerichteten der Place de la Révolution, zum allergrößten Teil im unmittelbar in der Nähe eingerichteten Friedhof de la Madeleine und die grandes fournées der Barrière du Trône-Renversé im Friedhof Picpus in Massengräbern ohne Zeremonie unter die Erde gebracht. Für den gesamten Vorgang war der Henker Sanson Hauptverantwortlicher. Die Fahrtwege zum Friedhof waren also Teil seiner täglichen Routine bzw., falls er diesen Teil delegierte, in die Routinen seiner Gehilfen eingeschrieben. Auch konnte er mit einer gewissen Voraussicht ggf. die Anlage neuer Gräber anordnen, sodass diese jederzeit bereit waren. Hierfür gibt es allerdings keine Quellen. Sicher ist aber, dass die Pariser Kommune sehr vorausschauend Plätze für die Verbringung der Leichen organisierte. Hierfür wurden im Falle von Madeleine und Picpus ehemalige Gärten genutzt, die Konventen oder Orden gehört hatten, die im Zuge der Säkularisierung enteignet wurden (Fleischmann, 1908, S.285-297; Lenôtre, 1893, S.273-294). Selbst bei gelegentlichen Beschwerden der Anwohner über Gerüche und Blut, war die eigentliche Leichenentsorgung also unproblematisch, da durch die angeeigneten Grundstücke Platz genug zur Beerdigung war, die Mittel zum Transport zur Verfügung standen und es durch die Körbe auch Möglichkeiten gab, den Anblick der Toten halbwegs zu verbergen, um öffentliche Empörung zu vermeiden. Lenôtre merk an, dass die Autoritäten aus demselben Grund anscheinend auch die genauen Verbringungsorte der Leichen möglichst unter Verschluss hielten (Lenôtre, 1893, S.288). Allerdings wurden dieselben Friedhöfe wohl auch für gewöhnliche Beerdigungen benutzt, sodass man kaum von Geheimhaltung sprechen kann.

Was die Instandhaltung der Guillotine und den Umgang mit auftretenden Problemen der Maschine betrifft, gibt es lediglich administrative Dokumente, die zum großen Teil vor der Terreur-Zeit entstanden. In diesen wird deutlich, dass das Funktionieren der Guillotine einer Überprüfung unterzogen wurde. Zum einen existiert ein Bericht, der zur Einschätzung der Produktionskosten der Maschine angefertigt wurde, da sich die zuständigen Autoritäten darüber im Streit mit dem Tischler Schmidt befanden, der diese gebaut hatte. Zwangsläufig fand der Prüfer Giraud im Juni 1792 also viele Mängel. Diese gehen natürlich nicht ausschließlich darauf zurück, dass man Schmidt im Preis herunterhandeln wollte, sondern auch auf den Wunsch das Funktionieren der Maschine potentiell zu verbessern. Giraud schlug daher das Anfertigen von zwei Reserve-Rammklötzen und -Schneiden für den Falle eines Unfalls vor (Taschereau, 1835, S.22-23). Ein zweiter Bericht Ende Juli desselben Jahres macht alarmiert auf einen Fall aufmerksam, in dem die Maschine nicht ordnungsgemäß den Kopf abtrennte und somit mehrere Male für dieselbe Enthauptung eingesetzt werden musste. Dabei erwähnt er, dass es diesmal nicht am Seil läge, was also bedeutet, dass solcher Art Probleme nicht einmalig auftraten (ebd., S.31-32). Es gibt ebenfalls zahlreiche Beispiele aus den Provinzen für das Fehlgehen der Maschine, sodass man nicht von einem ständigen zuverlässigen Funktionieren ausgehen konnte. In Paris ersetzte schließlich im April 1793 entweder ein neuer Fallmechanismus die Seile an der alten Maschine oder aber es wurde eine komplett neue Maschine mit neuem Fallmechanismus gebaut und eingesetzt (Carol, 2012, Kap.3). Auch für die Terreur ist daher wahrscheinlich, dass eine Überwachung des Funktionierens der Maschine stattfand, gerade weil ihre Belastung in dieser Zeit enorm zunahm. Auch Wechselrammklötze und -schneiden sind denkbar. Dafür spricht auch, dass das offizielle Dekret von August 1792, das die Maschine ausdrücklich zu einer permanenten Einrichtung auf der Place du Carrousel erklärte, daneben auch festhielt, dass die Schneide von Sanson nach jeder Exekution unter Aufsicht von zwei Kommissaren zu entnehmen sei (Fleischmann, 1908, S.49). Das heißt, diese Bestimmung galt zumindest vor der Institutionalisierung der Terreur, wobei das Dokument hier natürlich auch nur wiedergibt, wie es sein sollte, nicht wie es tatsächlich umgesetzt wurde. Es ist jedoch denkbar, dass dies auch während der Terreur zunächst beibehalten wurde. Bei einer täglichen Neuanbringung der Schneide ist auch von einem relativ einfachen Auswechseln bzw. Ausbessern dieser auszugehen. Einige anschließende Fragen, die z. B. die Bewachung der Maschine bzw. das Wiederanbringen der Schneide vor der Exekution betreffen, bleiben dabei offen. Diese Punkte könnten jedoch auch zu einer Sicherung des täglichen Ablaufs der Gewaltpraktik und zu ihrem Wiederholen durch die Sicherung der Maschine selbst beigetragen haben. Es lässt sich durch die verfügbaren Quellen jedoch nicht mehr klären.

Eine letzte Überlegung zum Wiederholbarmachen betrifft das Entgegenkommen von Beschwerden innerhalb der Bevölkerung. Diese wurden mit Abstand am häufigsten in Bezug auf die Menge des verschütteten Blutes und den Geruch geäußert (Taschereau 1835, S.33; Lenôtre 1893, S.271). Die Beschwerden der Anwohner der Place de la Bastille veranlassten daher schon kurz nach der dortigen Aufstellung der Guillotine ihren erneuten Umzug an die Barrière du Trône-Renversé, wo man unter dem Schafott eine große Grube zum Auffangen und Ablassen des Blutes aushob. Die Grube wurde nach den Exekutionen mit Brettern verdeckt, sodass die Geruchsverbreitung (leidlich) eingedämmt wurde (Reichhardt, 2019; Lenôtre, 1893, S.273). Nicht nur die routinierten Abläufe von der Verurteilung zur Hinrichtung legten also eine potentielle spontane Wiederholung derselben Abläufe nahe, sondern die Praktik selbst schloss Elemente ein, um eine reibungslose Wiederholung (fast) jeden Tag erfolgen lassen zu können. Dies geht im Grunde auch auf ihre Institutionalisierung zurück, verstärkte diese jedoch wiederum durch jede erneute Wiederholung.

Diskussion

Betrachtet man die Gewaltpraktik nun in ihrer Gesamtheit fällt zunächst ihr geregelter Rahmen auf. Bestimmte öffentliche Räume waren mit bestimmten Handlungen verbunden, die nur von bestimmten und über die Zeit gleichbleibenden Personen, i. d. Regel juristischem Personal bzw. den Henkern und Gendarmen, ausgeführt wurden. Auf diese Weise konnte sich die Praktik an diesen Orten einschreiben und durch die stetig wachsende Routine und Know How Bildung der Akteure in Beziehung auf die auszuführenden Abläufe verstetigen. Dieser geregelte Rahmen ist zunächst auf die Institutionalisierung der Gewaltpraktik, insbesondere auf das Revolutionstribunal, zurückzuführen, das durch den juristischen Apparat selbst, die Personalverwendung, erlassene Exekutionsordern, Ausstellung von Sterbeurkunden, Festlegung der Route zum Schafott bis hin zu den Bestattungsplätzen die Praktik in ihrer Durchführung verwaltete. Jedoch kann man hier auch davon ausgehen, dass Institutionalisierung, Festlegung der Form und routinisiertes Wiederholen der Praktik sich mit jeder Ausführung gegenseitig bedingten und verstärkten. Daher ist die sich steigernde Gewaltdynamik zum Ende der Terreur hin auch nicht ausschließlich als logische Folge der sich steigernden Routine und Know How Ansammlung zu erklären, sondern muss auch in der praxeologischen Perspektive die vorhergehende und dafür noch nötige Institutionalisierung der Prairial-Gesetze betrachtet werden. Denn von den frühen Vorgängern der Guillotine über die revolutionäre Hinrichtungs- zur revolutionären Gewaltpraktik wurden diese ausschließlich innerhalb des institutionellen Strafvollzugs genutzt, worin sich die Praktik auch in ihrer extremen Ausprägung einfügen musste. Die terroristische Gewaltpraktik der Guillotine trat in Paris also fast ausschließlich in einer von staatlichen Institutionen äußerst kontrollierten Form der Gewaltausübung auf. Das einzige nennenswerte Beispiel einer teilweisen Abweichung ist die Hinrichtung von Bailly.

Hier lässt sich an die in der kulturgeschichtlichen Forschung von Foucault inspirierte Diskussion um den öffentlichen Charakter der Guillotine anschließen. Man ist sich dabei einig, dass die Hinrichtungen weiter öffentlich stattfanden, um eine symbolische Kommunikation zwischen den politischen Autoritäten und der revolutionären Menge zu ermöglichen und dabei aber die gewaltausübende Position der Autoritäten zu stärken. Nach Daniel Gordon war die öffentliche Theatralisierung der Exekutionen ein Mittel, die politische Macht des Volkes darzustellen und dieses somit symbolisch in den formellen, politischen Prozess einzubeziehen, der jedoch de facto unabhängig von diesem operierte. Obwohl der revolutionären Rhetorik und in Teilen dem eigenen Selbstverständnis nach – hier vor allem in Bezug auf die radikalen Pariser Sans-Culotten – das Volk als politisch souverän und Ursprung aller politischen Macht verstanden wurde, partizipierte es während der Terreur in der konkreten Herrschaftsausübung und Entscheidungsfindung nicht. Vielmehr konzentrierte sich die als legitim betrachtete politische Gewalt in den Händen Weniger, was Gordon als „sovereignty gap“ (Gordon, 2003, S.260) bezeichnet. Indem das Volk als Publikum während bestimmten Demonstrationen von Souveränität (z. B. der Rechtsprechung oder dem Vollzug der Todesstrafe) anwesend war, konnte die Lücke zu den politischen Autoritäten durch die Inszenierung scheinbar geteilter Macht überbrückt werden (ebd., S.260-261). Für Janes (1991) und Wahnich (2016) steht die Institutionalisierung der öffentlichen Guillotine während der Terreur weniger in Zusammenhang mit der bewussten Verschleierung einer nur augenscheinlichen Souveränität des Volkes, sondern viel mehr im Zeichen der Angst vor tatsächlich ausgeübter Volkssouveränität im Sinne einer Ermächtigung der revolutionären Menge zur Selbstjustiz an den Gegnern der Revolution. Insbesondere die September Massaker 1792, als über mehrere Tage unkontrollierbare Massengewalt in Paris ausbrach und Anhänger der Revolution in Anbetracht der Gefahr einer Konterrevolution die Gefängnisse stürmten und über tausend Insassen bzw. nicht inhaftierte, aber öffentlich bekannte Gegner der Revolution ermordeten, waren ein Schock für die politischen Autoritäten. Er machte die Notwendigkeit einer Umleitung von gewaltvollen Ausdrücken eines revolutionären Gerechtigkeitssinns bzw. „gerechtem“ Zorn des Volkes in staatlich kontrollierte Formen deutlich, um nicht in durch Massengewalt bewirkte gesellschaftliche Auflösungsprozesse zu geraten (Janes, 1991, S.33-34; Wahnich, 2016, S.106-107). Auch in Janes und Wahnichs Überlegungen drückt sich dabei der Gedanke aus, dass gerade die Öffentlichkeit im Umgang mit vermeintlichen Revolutionsverrätern zur Bedingung einer gelingenden Verbindung, hier im Sinne einer Kontrolle ungeregelter revolutionärer Gewalt, zwischen den Autoritäten und dem Volk wurde. Diese konkrete Verbindung bzw. konkrete Kontrolle wird für die Autor*innen jedoch neben der Öffentlichkeit durch unterschiedliches gestiftet. Für Gordon liegt dieses im Zulassen einer symbolischen Bühne für die Hinzurichtenden, auf der sie gesehen und gefürchtet werden konnten. Je schlimmer der Verräter desto besser für die Inszenierung der angeblichen Autorität und Gewalt des Volkes über diese, wodurch es möglich wurde die Natur der Terreur als Regierungsprinzip der Wenigen zu verbergen (Gordon, 2003, S.264, 268). Janes dagegen sieht die Verbindung eher durch die symbolische Aufladung der Guillotine selbst als Verkörperung der Gerechtigkeit des revolutionären Volkes verankert. Sie beschreibt aber auch, wie das vorher in Paris ungeregelte Töten und auf Piken Spießen von Köpfen als zentraler Akt einer Souveränitätsdemonstration des Volkes mit der Guillotine in eine geordnete, kontrollierte Form des Köpfens innerhalb der Hände politischer Autoritäten übergeht und somit öffentliche Ordnung geschaffen wird (Janes, 1991). Wahnich schließlich betrachtet die Gründung und die Institutionalisierung des Revolutionstribunals als entscheidend, da dieses durch seine Öffentlichkeit die verschiedenen Emotionen des Volkes wie Enttäuschung, Zorn und Angst innerhalb juristischer, bürokratischer Strukturen kanalisieren, verhandeln und zurück an legale Formen der Vergeltung binden konnte (Wahnich, 2016, S.114-122).

Ergänzend zu den Argumenten der Kulturgeschichte zur symbolischen Kommunikation zwischen Herrschenden und Volk, lässt sich auch aus der praxeologischen Perspektive gut begreifbar machen, wie öffentliche Ordnung hergestellt und Gewaltausübung seitens des Volkes eingeschränkt, gleichzeitig aber auch für eine politische Gemeinschaftsbildung gesorgt wurde. Als wesentlich treten hier aber nicht der einmalige Transfer von ungeregelter Gewalt in geregelte Strukturen bzw. eine Kommunikation von oben nach unten hervor, sondern die in routinierten Handlungen begründete Gewaltpraktik an sich, die in ihrer Gesamtheit bzw. für die meisten ihrer Elemente die ständige Teilnahme und somit handlungspraktischen Einbezug sowohl der Autoritäten als auch der revolutionären Menge an den Gewaltakten verlangte. Ordnungsstiftend und gewaltkontrollierend wirkte die starke Festlegung der Praktik, indem sie ermöglichte, Gewalt gegen als Konterrevolutionäre Verurteilte nur noch mit bestimmten Orten, bestimmten Personen und insbesondere einem bestimmten Gewaltinstrument, der Guillotine, zu verbinden. Durch die Regelmäßigkeit des Auftretens dieser bestimmten Gewalt der öffentlichen Strafe innerhalb des Pariser Alltags knüpfte die Praktik ebenfalls an ein bekanntes und verinnerlichtes Ordnungsprinzip des Ancien Régime an. Die Öffentlichkeit der Praktik vom Prozess zum Zeigen des abgeschlagenen Kopfes ermöglichte aber auch die Vollstreckung und Anerkennung der Gewalt als kollektive, gemeinschaftliche Handlung von Menge und Machthabenden. Die Form der Praktik war zwar zu großen Teilen bestimmt von Autoritäten, ebenso wie ihre konkrete Ausführung an den Verurteilten in den Händen von Experten lag, doch musste die anwesende Menge dem Geschehen ihr volles Zustimmen geben, wie an den Beispielen von Bailly und der Place Saint-Antoine deutlich wird. Die Praktik ließ Raum für eine Auseinandersetzung mit den angeblichen Volksverrätern und unterstützte in der Presse und in Beziehung auf die Karren sogar eine Fokussierung nur auf diese. Somit konnte die Gewaltpraktik der Versicherung der gemeinschaftlichen, revolutionären Einstellung gegen diese politischen Anderen dienen.

Johanna Mues studies in the master program Social Science (Culture & Person) at the Ruhr-Universität Bochum (May 2022). 

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